Literatur Schmerzlos, nahezu jugendfrei: „Die Zeuginnen“ von Margaret Atwood

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Margaret Atwood hat nach über 30 Jahren eine Fortsetzung ihres Roman-Erfolgs „Der Report der Magd“ verfasst: „Die Zeuginnen“.
Die Erniedrigung von Frauen zu Gebärmaschinen und Sexsklavinnen ist sicher weiterhin aktuell, vielleicht sogar in Zeiten von #metoo-Debatten notwendiger denn je.
Damit die Leserschaft in die nötige Neugier versetzt wird, hat der Verlag die Veröffentlichung von „Die Zeuginnen“ weltweit durch eine große Werbekampagne begleitet.

Was erhält einen Unrechtsstaat, was lässt ihn untergehen?

Eine Frage stellten Leserinnen Margaret Atwood immer wieder: Wie nur könnte so ein rigider Gottesstaat wie Gilead untergehen? Atwood diskutierte mit zahlreichen Bekannten, darunter Résistance-Kämpfer aus dem Zweiten Weltkrieg.

All das hat sie erkennbar in ihren neuen Roman einfließen lassen, der hoffnungsvoller geraten ist als der Vorgänger. Denn die Grundidee lautet: Viele Regime gehen letztlich eher an ihrer eigenen Korrumpierung als durch Angriffe von außen zugrunde.

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Gilead funktioniert nur, weil auch Frauen Frauen unterdrücken

Folgerichtig erzählen mehrere Frauen von ihrer Rebellion gegen Gilead: Tante Lydia beispielsweise, die eigentlich junge Mädchen brutal auf Linie bringt. Über sie lernen wir das perfide Erziehungssystem von Gilead besser kennen: Es funktioniert nur, weil auch Frauen Frauen unterdrücken. Tante Lydia allerdings ist die internen Fehden der Führungsriege leid.

Daisy wird undercover nach Gilead eingeschleust

Dann ist da Agnes, die sich ihrer Zwangsverheiratung widersetzt und sich als werdende Erzieherin mit dem Regime nur fürs Erste gutstellen muss. Schließlich begegnen wir auch Daisy aus dem freien Kanada, die bald undercover nach Gilead eingeschleust wird, um kompromittierende Informationen über das Regime herauszuschmuggeln.

Ein Agentinnenthriller mit einigen Längen

Der Form nach wird das Buch so fast zu einem Agentinnenthriller mit überraschenden, aber auch mit vorhersehbaren Wendungen und mit einigen Längen.

Stets fragen sich die Figuren, bis zu welchem Punkt sie sich arrangieren wollen mit einem System, in dem Männer nach Vergewaltigungen davonkommen. Frauen dagegen schämen sich grundsätzlich für ihre Körper - die Spuren der MeToo-Debatte sind im Buch unverkennbar.

Holzhammer-Feminismus

Manches kommt allerdings wie der Holzhammer-Feminismus daher, den schon Karen Köhlers „Miroloi“ oder Christina Dalchers „Vox“ anwandten. So erzählt etwa Agnes aus ihrer Kindheit, wie sie Plätzchen backte.

„Aus dem Teig formte ich immer nur Männer, niemals Frauen, denn sobald sie aus dem Ofen kamen, aß ich sie auf, und das gab mir das Gefühl, insgeheim Macht über Männer zu haben.“

Margaret Atwood: „Die Zeuginnen“

Plakative Bezüge zu Politik und Zeitgeschichte

Die Verweise auf Tante Lydias faustischen Pakt mit den Mächtigen oder auf Napoleon, Stalin, Ceausescu sind ebenso plakativ wie die Mahnung, bestehende Freiheitsrechte nicht für einen Zauber zu halten, der automatisch da ist.

Margaret Atwood holt zum Rundumschlag gegen alle Radikalisierungstendenzen unserer Gegenwart aus – etwa, wenn im Buch rechte kanadische Demonstranten genug haben von all den geflüchteten Frauen aus Gilead.

Die drei abwechselnden Erzählerinnen machen das Buch weniger beklemmend als den Vorgänger, der aus den Augen einer einzigen Heldin erzählte, nämlich von „Desfred“, die hier nur ganz am Rande und zum Schluss vorkommt. „Der Report der Magd“ schuf damals eine ganz eigene, suggestive Welt; der Nachfolger schreibt sie tendenziell nur fort - leider.

Unterhaltungsliteratur für breite Leserkreise

„Die Zeuginnen“ will Unterhaltungsliteratur sein und ist das auch – mit kurzen, schnell lesbaren Sätzen ohne Stilfiguren oder schöpferische Bilder. Selbst die Passagen zu Folterungen und Exekutionen sind noch so schmerzlos, dass sie fast jugendfrei sind. Damit werden sich sicher breite Leserkreise gewinnen lassen, literarisch Interessierte wohl eher nicht.

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