Literatur Gerd Müller - oder wie das große Geld in den Fußball kam

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SWR2

Der Historiker Hans Woller hat für seine Biografie "Gerd Müller - oder wie das große Geld in den Fußball kam" gründlich recherchiert. Das Buch erzählt nicht einfach das Leben des "Bombers der Nation", sondern stellt Gerd Müller in einen größeren Kontext

In dieser Gerd-Müller-Biografie geht es weniger um Tore

Die Biografie eines Fußball-Stürmers kommt ohne Treffer und Siege kaum aus. Der legendäre Bayern-Torjäger Müller bescherte den Fans davon überwältigend viele; nicht nur bei der Weltmeisterschaft 1974.

Ehrgeiz und Anspruch von Hans Woller liegen aber woanders: Bei den zeithistorischen Begleitumständen des Aufstiegs und Falls eines Sportlers.

Die Geschichte dieser Erfolge und ihrer Voraussetzungen muss noch geschrieben werden. Am Beispiel Müllers wird hier ein Anfang gemacht und erstmals hineingeleuchtet in das soziale, politische und kulturelle Milieu des Profifußballs der 1960er und 1970er Jahre, der als ehrlich, volksnah und vor allem transparent galt und sich auch so gab.

Hans Woller: Gerd Müller - oder wie das große Geld in den Fußball kam

Woller schreibt einfach und klar

Sprachlich komplizierter als dieses Zitat aus dem ersten Kapitel „Reiz und Tücken einer Fußballerbiografie“ wird es in diesem Buch nicht. Hans Woller gehört zu jener Sorte Historiker, die für die gelehrte Kollegenschaft nicht anders schreiben als für die breite Öffentlichkeit. Manchmal ähnelt der Duktus der Erzählung über den aus Nördlingen stammenden Stürmer dessen genial-einfacher Spielweise

Nicht nur seine Fußballer haben den FC Bayern groß gemacht

Woller lässt ein Panorama umfangreicher Verquickung von Sport, Geld und politischer Macht entstehen, wenn es sich Müllers Verein und dessen Personal widmet. Drastisch formuliert: Der FC Bayern hatte Ende der 1960er Jahre mit Müller, Maier, Beckenbauer, Schwarzenbeck und „Bulle“ Roth zwar Super-Fußballer in seinen Reihen. Ohne die skrupellose Schläue des Managers Robert Schwan und die Unterstützung der CSU hätte der Klub aber kaum seine Erfolge in der Fußball-Bundesliga und im Europa-Cup erreicht.

Steuerhinterziehung der Vereinsführung wurde gedeckt

Hans Wollers Aktenfunde zeigen, wie die Regierung des Freistaats Steuerhinterziehung und andere Delikte der Vereinsführung deckte - atemberaubend.

Hier entstand ein Amigo-System, das nur ein weiteres Beispiel dafür lieferte, wie weit die Politik bereits Anfang der 1970er Jahre in die Gesellschaft hineinwirkte, ja ganze Bereiche wie den Sport gleichsam kolonialisierte… Erst Ende der 1970er Jahre brachten unerschrockene Steuerbeamte ein wenig Licht in das Dunkel dieser Machenschaften. Mehr als die Spitze des Eisbergs wurde dabei aber nicht sichtbar.

Hans Woller: Gerd Müller - oder wie das große Geld in den Fußball kam

Gerd Müller wurde als einer der wenigen belangt

Gerd Müller wurde als einer der wenigen belangt – vielleicht, weil er trotz seiner Meriten nie zum Kern der Münchner Fußball-Mafia gehörte. Das machte ihn zum Prototyp eines Idols, das mit der Professionalisierung seines Sports nicht fertig wurde.

Was folgte war Abstieg: die geschäftliche Havarie, der Kampf gegen den Alkohol, eine Alzheimer-Erkrankung, wegen der er nun Patient in einem Pflegeheim ist.

Prominente ehemalige Mitspieler unterstützen Gerd Müller

Auch dieses Kapitel spart Hans Woller nicht aus. Bei aller Kritik an Beckenbauer und dem jetzigen Bayern-Patriarch Hoeneß, die ansonsten deutlich wird, zieht Woller hier seinen Hut vor den einstigen Rivalen um Geld und Ruhm.

Woller meint, die anderen ahnten wohl, dass sie einfach nur mehr Glück hatten als Gerd Müller. Wer will, kann das als Neu-Interpretation des Mantra vom „Elf Freunde sein“ sehen – und über den Sport von heute grübeln.

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