Kommentar Viele Debüts, wenig Überzeugendes – die Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2019

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12:33 Uhr
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SWR2

Ein Spiegel sehr unterschiedlicher literarischer Geschmäcker sei die Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2019, kommentiert Carsten Otte die Auswahl der Jury. Viel Vergangenheitsbewältigung und eine rätselhafte Vorliebe für Debüts finde sich unter den nominierten Titeln. Doch nur einer der Romane überzeugt den SWR2-Literaturkritiker.

Wenn aus einer Longlist eine Shortlist wird, wenn also wie beim Deutschen Buchpreis aus zwanzig Romanen sechs ausgewählt werden, dann ist nicht nur interessant, welche Bücher im Finale stehen. Es lohnt auch ein Blick auf jene Werke, die nicht in die engere Auswahl kamen.

Der große Favorit ist raus

Da wäre zum Beispiel Nora Bossongs Roman „Schutzzone“, die literarisch anspruchsvoll von der Arbeit bei den Vereinten Nationen erzählt. Der Roman wurde in der Kritik sehr gelobt, gar als Favorit gehandelt, spielt aber nun keine Rolle mehr im Wettrennen um den „besten Roman des Jahres“.

Karen Köhlers Klagegesang „Miroloi“ hingegen wurde verrissen, ebenso deutlich wie einhellig, es gab erregte Diskussionen um das Buch in den sozialen Netzwerken, denn nicht wenige fragten sich, warum der Titel überhaupt auf der Longlist stand. Jetzt ist auch dieser Roman nicht mehr im Rennen.

Merkwürdig disparate Auswahl

Es stellt sich die Frage: Handelt es sich um eine Art von ausgleichender Gerechtigkeit? Kann man überhaupt irgendetwas ablesen an der kurzen Liste, nachdem schon die Vorauswahl in literarischer Hinsicht merkwürdig disparat erschien?

Wahrscheinlich nicht. Die Arbeit einer Jury besteht nämlich darin, Kompromisse zu schließen. So ist auch diese Shortlist nur ein Spiegel sehr unterschiedlicher literarischer Geschmäcker.

Drei Debütromane im Finale

Auffällig ist die Vorliebe der Jury für Romane, die in die Geschichte zurückblicken, sowie eine erstaunliche, um nicht zu sagen rätselhafte Vorliebe für Debüts. Gleich drei Erstlinge haben es in die engere Auswahl geschafft.

Raphaela Edelbauer erzählt mit das „Das flüssige Land“ von einem mysteriösen Loch, in dem nicht nur ein Dorf, sondern auch die düstere NS-Vergangenheit zu verschwinden droht. Dieses Buch ist gewissermaßen die Variation eines klassischen Anti-Heimatromans aus Österreich, mit allen Stärken und Schwächen.

Tonio Schachinger: dramaturgisch mittelmäßig

Tonio Schachingers Fußball-Affären-Roman „Nicht wie ihr“ ist rotzig und lustig, aber nicht zuletzt in dramaturgischer Hinsicht etwas begrenzt.

Miku Sophie Kühmel erinnert mit ihrem Roman „Kintsugi“ im Titel und im Text an ein altes japanisches Handwerk, nämlich zerbrochenes Porzellan mit Gold wieder zusammenzufügen. Diese Kunst steht auch sinnbildlich für das Plädoyer der Autorin, möglichst entspannt mit der Fehlbarkeit in der Liebe umzugehen, um Raum für neue Verbindungen zu schaffen.

Das ist durchaus ambitioniert, doch zuweilen etwas durchschaubar und aufgesetzt. Drei Erstlinge, die Neugier auf mehr machen, aber wohl nicht mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet werden.

Saša Stanišić überzeugt

Saša Stanišić hat mit „Herkunft“ eine autobiographische Recherche vorgelegt, die sich mit den Zufällen im Leben beschäftigt und mit den Fragen, woher man kommt und wohin man geht. Ob es sich dabei um einen Roman handelt oder nicht, ließe sich diskutieren, doch diese persönliche Vergangenheitsbewältigung überzeugt immerhin sowohl auf inhaltlicher als auch auf sprachlicher Ebene.

Was man von Jackie Thomaes Roman „Brüder“ nicht sagen kann. Im zweiten Prosawerk der Autorin wird die Geschichte zweier Halbbrüder aus der ehemaligen DDR erzählt.

Beide haben mit einem abwesenden Vater aus dem Senegal und der Frage zu kämpfen, welche Rolle die eigene Hautfarbe für ihr Schicksal spielt. Leider vermengt Thomae eine Vielzahl von Themen und Perspektiven, versäumt es aber, ein überzeugendes Gesamtwerk zu schaffen.

„Winterbienen“ ist der Favorit

Als Favorit auf der Shortlist muss daher Norbert Scheuer gelten, der in seinem Roman „Winterbienen“ ebenfalls zurückschaut, allerdings mit großer Stilsicherheit und einem guten Gespür für Figuren und historische Ausweglosigkeiten.

„Winterbienen“ ist eine intensive und im besten Sinne spannende Geschichte über einen ehemaligen Lehrer, der im Januar 1944 Juden in präparierten Bienenstöcken über die Grenze nach Belgien schmuggelt.

Norbert Scheuer stand übrigens schon einmal auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Nicht zuletzt deshalb hätte es dieser Schriftsteller verdient, mit seinem aktuell ganz besonders starken Roman endlich auch den angemessenen Preis zu erhalten.

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