Kommentar Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Peter Handke: „Endlich ist das Trauerspiel vorbei“

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18:40 Uhr
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SWR2

„Wir erleben seit dem 10. Oktober 2019 die Dauerschleife von Peter Handkes zornigen Verzichts auf jede Form des Verstehens. Damit ist jetzt glücklicherweise Schluss!“, kommentiert SWR2 Literaturchef Frank Hertweck die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Peter Handke, die am 10. Dezember stattfand. Die Ehrung des österreichischen Schriftstellers stieß aufgrund seiner Haltung zum Jugoslawien-Krieg auf heftige Kritik.

Es ist geschafft! Es ist vollbracht! Endlich ist er vorbei, der Präsentationsparcours, endlich ist es vorbei, das Trauerspiel um zwei Nobelpreisträger*innen, das vor allem Olga Tokarczuk um die verdiente, eigenständige Aufmerksamkeit gebracht hat.

Denn selbst die Beachtung, die sie am Ende erhielt, war immer noch die einer Gegen-Handke. Handke dominierte bis zuletzt.

Auch hier scheint alles gesagt, alle Argumente gedreht, gewendet. Wer wüsste eines, das Handkes Haltung zum Jugoslawien-Krieg in irgendeiner Weise rechtfertigen könnte?

Peter Handke hat Tatsachen aufgelöst

Handkes Reisen in die Kriegsgebiete dienten nie einer Gegenrecherche. Was für ein böses Journalistenwort? Nein, er wollte dem Journalismus mit Literatur begegnen, mit Infragestellung.

SWR Literaturchef Frank Hertweck (Foto: SWR)
Olga Tokarczuk wurde um die verdiente Aufmerksamkeit gebracht, findet SWR Literaturchef Frank Hertweck.

Aber was er tat, was man lesen konnte, waren medienkritische Spekulation à la „Könnte es auch so gewesen sein?“. Kann sein, kann nicht sein.

„Weil Handke Dichter sein wollte, hat er die Wahrheit verraten und damit schlechte Literatur geliefert. Seine Jugoslawientexte wurden mit jedem Schritt engstirniger.“

Frank Hertweck

Genau so löst man Tatsachen auf und das hat Handke für Ex-Jugoslawien getan. Das Massaker von Srebrenica hat er kurzerhand in eine Metapher für den Krieg an sich verwandelt.

„Ich hasse Meinungen“

Weil Handke Dichter sein wollte, hat er die Wahrheit verraten und damit schlechte Literatur geliefert. Seine Jugoslawientexte wurden mit jedem Schritt engstirniger und klaustrophobischer.

Was wir in Stockholm erlebt haben, war die Fortsetzung dieser Haltung auf einer anderen Bühne. Darum auch Handkes Furor gegen Journalistinnen und Journalisten bei der Pressekonferenz am letzten Freitag. „Ich hatte nie eine Meinung. Ich hasse Meinungen. Ich mag Literatur, nicht Meinung.“

Dem Dichter geht es um Sprache, Kommunikation ist banal

Das ist eine sehr, sehr deutsche Tradition: Dichter als Seher, Dichter als Propheten, der Sprache zu Diensten, aber gerade nicht dem Sprechen mit anderen.

Es gibt Dinge, Natur, Himmel und Erde, ein Ich, das sich befragt. Aber es gibt keine antwortende Gegenstimme, keine Mitmenschen. Kommunikation heißt für diese Dichterfürsten Banalisierung.

Beklemmende Ideologie in Handkes Jugoslawien-Texte

Peter Handke lebt diese Tradition und er hat in ihr große Werke geschaffen.  Aber in seinen Jugoslawien-Texten verwandelt er sie in eine hässliche, beklemmende Ideologie, in ein Sprachgefängnis, eine rhetorische Kippfigur, die es einem erlaubt, Fragen nicht zu beantworten, Tatsachen zu ignorieren.

Vielleicht steckt hier der entscheidende Unterschied zwischen der polnischen Literaturnobelpreisträgerin und Peter Handke: Für Olga Tokarczuk ist Dichtung, wie sie in ihrer Vorlesung gesagt hat, eine „Zärtlichkeit gegenüber allen anderen Daseinsformen“.

Als Dichter über die Kritik erhaben?

Für Tokarczuk ist Dichtung eine besonders offene, besonders vielgestaltige, besonders vielfältige Weise der Kommunikation, ein Weltenangebot für den Leser – Dichtung als Verständigung.

„Handke sieht sich jenseits der Kritik, weil er glaubt, als Dichter im Besitz der Wahrheit zu sein.“

Frank Hertweck

Keine Frage, auch hier lauern literarische Gefahren. Aber diese Haltung erlaubt es, Literatur zu überprüfen. Handke sieht sich jenseits der Kritik, weil er glaubt, als Dichter im Besitz der Wahrheit zu sein. Wir anderen haben nur Meinungen.

Zum Glück ist jetzt Schluss!

Meinung aber heißt, zu wissen, dass sie, wie der Namen sagt, nur die meinige ist, dass sie falsch sein kann, dass man sich irren kann. Wir erleben seit dem 10. Oktober 2019 die Dauerschleife einer wütenden Verweigerung, eines zornigen Verzichts auf jede Form des Verstehens. Damit ist jetzt glücklicherweise Schluss!  

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