Kommentar 11:9 – Zahlenspiele, Ausgewogenheiten, Erwartbares und Überraschungen: Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019

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Sendedatum
Sendezeit
18:40 Uhr
Sender
SWR2

Die Geheimnisse einer schönen Liste

Die Schönheit einer Liste besteht in ihrer Länge. Eine schöne Literaturliste also erschließt sich nicht auf Anhieb, gibt dann aber doch erstaunliche Informationen preis, etwa über die Vorlieben der Lesenden und Auswählenden.

So verleiten insbesondere die langen Listen zum Deutschen Buchpreis über den gewiss divergierenden Geschmack der einzelnen Jury-Mitglieder zu spekulieren, und Erwartetes, Überraschungen, Gesetzmäßigkeiten, statistische Verhältnisse zu benennen.

11:9 ist das Verhältnis der literarischen Stunde

Wer zählen kann, wird bei der diesjährigen Auswahl schnell feststellen, dass eine gewisse Ausgewogenheit herrscht, mit leichten Vorteilen für die eine Seite. 11:9 ist das Verhältnis der literarischen Stunde.

Es gibt elf Titel aus den Herbstprogrammen und neun aus dem Frühjahr, es lassen sich elf Werke von Autorinnen und neun von Autoren feststellen. Ob diese Zahlen irgendwas über die Qualität der Prosa aussagen? Natürlich nicht. Darum geht es auf der Longlist zunächst auch nur bedingt.

„Schutzzone“ von Nora Bossong wird in die engere Wahl kommen

Das Verhältnis von erwarteten und überraschenden Titeln würde ich, ganz subjektiv, auch bei 11:9 ansiedeln. Nora Bossongs Roman „Schutzzone“ scheint förmlich für diese Liste geschrieben worden zu sein, was die Kritik dem Text vielleicht auch vorwerfen könnte.

Bossong jedenfalls erzählt ohne viel literarischen Radau von einer Mitarbeiterin der Vereinten Nationen, die nach moralischen Gewissheiten in der Welt sucht und sie am Ende nicht mal im eigenen Leben findet. Das Offene, sowohl in der Form als auch im Inhalt, ist die Stärke des Romans, die politische Aktualität gewiss auch.

Wenn es später darum gehen wird, den Preis zu verteilen, wird diese Arbeit ganz gewiss in der engeren Auswahl stehen – selbst wenn diese Entscheidung als erwartbar, als wenig überraschend beurteilt werden sollte.

Jan Peter Bremer: ein Meister des subtilen Perspektivwechsels

Wer Literaturkritik ernsthaft, das heißt eben auch: mit großer Leidenschaft betreibt, wird sich über einige Titel auf der Longlist freuen, über andere eher wundern.

Ich freue mich über Jan Peter Bremers grotesken Roman „Der junge Doktorand“, ein nahezu klassisches Kabinettstück über zwei ältere Menschen, die ganz offensichtlich schon viel zu lange miteinander verheiratet sind. Bremer ist ein Meister des kunstvollen und äußerst subtilen Perspektivwechsels, allein deshalb wünsche ich dem Bachmannpreisträger aus dem Jahre 1996 eine weitere große Auszeichnung.

Bekannte Namen und der literarische Nachwuchs

Bekannte Namen stehen auf der Liste, aber auch junge Autorinnen und Autoren, wahrscheinlich wieder im Verhältnis von 11:9, wobei natürlich erstmal zu klären wäre, wer bekannt ist und wer nicht.

Marlene Streeruwitz, Norbert Scheuer und Alexander Osang sind jedenfalls einem eher größeren Publikum bekannt, Raphaela Edelbauer und Emanuel Maeß zeigen mit ihren Romandebüts, dass der literarische Nachwuchs auch beim Deutschen Buchpreis nicht zu übergehen ist.  

SWR2 Literaturkritiker Carsten Otte (Foto: SWR, SWR - Klaus Rudloff)
SWR2 Literaturkritiker Carsten Otte SWR - Klaus Rudloff

„Miroloi“: Dieser Roman ist meiner Meinung nach nicht preiswürdig

Ein schöne lange Buchpreisliste kommt natürlich auch nicht ohne Romane aus, über die sich herrlich streiten lässt. Für mich ist Karen Köhlers Klagegesang „Miroloi“, der von einem Findelkind in einer archaisch und extrem patriarchalen Inselwelt erzählt, aus vielen literarischen Gründen gescheitert: zu viele Stilblüten, zu viel Naivität, zu viele banale Gedanken, zu viele formale und inhaltliche Widersprüche auf zu vielen Seiten, zu viel Vorhersehbares, zu wenig Literatur als Sprachkunst.

Dieser Roman ist meiner Meinung nach nicht preiswürdig. Wie er auf die Longlist gekommen ist, bleibt ein Geheimnis der Jury.

Norbert Gstrein fehlt: unverständlich und ärgerlich

Dass aber im Gegenzug der wirklich auf vielen Ebenen elaborierte und bislang nahezu ausnahmslos hochgelobte neue Roman von Norbert Gstrein, „Als ich jung war“, nicht auf der Liste steht, ist gerade im Hinblick auf andere Listentitel vollkommen unverständlich und ärgerlich. Aber vielleicht haben solche Missverhältnisse irgendwie auch mit diesem ominösen Verhältnis von 11:9 zu tun.

Die Longlist sucht auch das Unbekannte in der Literatur

Wenn die Schönheit einer Liste indes in ihrer Länge besteht, dann ist davon auszugehen, dass es auch etwas zu entdecken gilt. Den Erstling mit dem japanischen Titel „Kintsugi“ der 1992 in Gotha geborenen Miku Sophie Kühmel hätte ich vielleicht übersehen, dabei geht es um ein außergewöhnliches Kunsthandwerk, nämlich zerbrochenes Porzellan auf schönste Weise mit Gold zu kitten – und was diese Tradition mit der Pflege der Buchkultur zu tun hat, wie der Klappentext suggeriert, möchte ich dann doch wissen.

Das hat dann auch mal gar nichts mit irgendwelchen Zahlenspielen und Ausgewogenheiten zu tun, hier zeigt sich vielmehr eine wichtige Qualität der Longlist, nämlich das Unbekannte in der Literatur zu suchen, überhaupt das Lesen als Abenteuerreise in fremde Welten zu begreifen.     

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