Gespräch Hanns-Josef Ortheil: Pianisten sind ein skurriles Volk

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:33 Uhr
Sender
SWR2

Seit sechs Wochen betreibt der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil die „Sala Ortheil“ in seinem Westerwälder Heimatort Wissen an der Sieg. Dort arbeitet er, lässt sich von Passanten Geschichten erzählen und gibt Einführungen zu Abenden im nahe gelegenen Kulturwerk Wissen. Seine „Abendmusiken” beginnen am 24.11. mit einer Veranstaltung über das skurrile Leben von Pianisten.

Warum Daniil Trifonov unter Wasser Klavier übt

Mit der Lebensform des Pianisten hat sich Hanns-Josef Ortheil seit seiner eigenen Kindheit auseinandergesetzt. Schon seine Mutter ließ ihn Czerny-Etüden üben. Als junger Mann wollte Ortheil Pianist werden. Wobei er heute nur dilettantisch weiterspiele, so Ortheil in SWR2. Er könne höchstens noch eine Stunde am Tag üben. Seine erste „Abendmusik” widmet sich eher der Frage, was man von Pianisten über das Leben lernen kann.

Die nämlich seien ein skurriles Volk, kämen oft „aus verwöhnten Bezügen”, so der Schriftsteller, müssten als verhätschelte Wunderkinder oft erst lernen, sich in der Welt zu behaupten. Der berühmte Pianist Daniel Trifonov sei dafür ein gutes Beispiel, der seine Karriere versonnen und russisch begonnen habe, „als käme er gerade aus Tschechows Kirschgarten”. Inzwischen übe Trifonov unter Wasser, um unter dem größeren Druck seine Hände zu trainieren. Das sei im Grunde unglaublich.

Was sich aus den Händen von Chopin und Liszt über Technik lernen lässt

Glenn Gould habe auf einem Stuhl ohne Sitzfläche gesessen und sei immer weiter nach unten gesackt. Solche Selbstkasteiungen will Ortheil anhand von Videos ebenso zeigen wie anhand von Gipsabdrücken die unterschiedlichen Hände von Chopin und Liszt - und wie diese beiden berühmten Pianisten und Komponisten aufgrund dieser Verschiedenheit auch unterschiedliche Spiel- und Kompositionstechniken entwickelt hätten.

Gerade Schriftstellern fehle der Austausch mit dem Publikum, so Ortheil über die Motivation seiner Abendveranstaltungen. Immer seien sie dazu verdonnert, in ihrem Zimmer zu sitzen. Dabei sei es nicht nötig, die eigene Zeit ausschließlich mit dem Schreiben zu verbringen. Er wolle in seinem Heimatort für Gespräche zur Verfügung stehen und werde auch viel zuhören.

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