Buch der Woche vom 27.5.2018 Karl Ove Knausgård: Im Frühling. Die Jahreszeiten-Bände 3

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Die Jahreszeiten-Bände 3

Mit seinem sechsbändigen autobiographischen Romanzyklus „Min Kamp“ gewann der Norweger Karl Ove Knausgård auch in Deutschland eine große Fangemeinde. Seine sehr offenherzigen Erzählungen über sich und sein Familienleben setzt er nun mit den sogenannten Jahreszeitenbüchern fort. „Im Frühling“ - im dritten Band der Reihe - schildert Knausgård einen Tag im April mit seiner drei Monate alten Tochter, für die er das Buch geschrieben hat.

Er zeigt sich auch hier als ein Meister der Alltagsbeobachtung, der seinen Blick immer wieder auf dem kleinen Dingen ruhen lässt, die ihm Anlass zu größeren Reflexionen geben. Er beschreibt auch, wie der Familienalltag mit vier kleinen Kindern und die Depression seiner Frau ihn immer wieder an seine Grenzen bringen. Doch am Ende gelingt ihm ein wunderbares Buch über das Leben und die Liebe.

Als Karl Ove Knausgård vor sieben Jahren seine große Lebenssaga „Min Kamp“ abschloss, schaute er darin ein bisschen auch in die eigene Zukunft und gab zu, dass er den Gedanken genießen werde, „wirklich genießen“, wie er betonte, „dass ich kein Schriftsteller mehr bin“. Das klang, wie es da als allerletzter Satz des sechsten und letzten Bandes „Kämpfen“ stand, sehr definitiv und glaubhaft, hatte es doch erhebliche Verwerfungen innerhalb Knausgårds Privatleben wegen seiner vielen intimistischen Offenbarungen in „Min Kamp“ gegeben.

Private Themen werden ausführlich aufgearbeitet

Dieser Vorsatz, kein Schriftsteller mehr sein zu wollen, hat sich dann doch vor allem als Koketterie herausgestellt. Nicht viel später nämlich setzte sich der 1968 geborene norwegische Schriftsteller wieder an den Schreibtisch in seinem Haus in der Nähe des schwedischen Provinzstädtchen Ystad. Und wie schon für „Min Kamp“, als Knausgård zuvorderst das schwierige Verhältnis zu seinem Vater und das Familienleben mit drei kleinen Kindern literarisch verarbeiten wollte, war der Anlass ein privater: Die Schwangerschaft seiner Frau Linda, ihre bevorstehende Niederkunft mit dem vierten gemeinsamen Kind, eines weiteren Mädchens.

So formuliert Knausgård es selbst in seinem neuesten Buch „Im Frühling“, dem dritten Teil seines sogenannten „Jahreszeiten“-Zyklus‘ nach „Im Herbst“ und „Im Winter“, auf den in den kommenden Wochen noch der abschließende Sommerband folgt. Es blieb eben nicht bei einem langen Brief, ein paar Tagebucheinträgen; sondern Knausgård ist seinem Hang zum Weitschweifigen, seinem Faible für gewisse Ordnungsprinzipien treu geblieben und erklärt seiner kleinen Tochter in gleich vier Bänden die Welt und wer er, Linda und die drei Geschwister sind und wie sie leben.

Ein formloser Tag im Leben des Karl Ove Knausgård

„Im Frühling“ unterscheidet sich dabei formal von den anderen drei Bänden, in denen sich Knausgård auf jeweils vier, fünf Seiten über Marienkäfer und Wassersprenger, Äpfel und Stühle, aber auch über seine Lektüren von Flaubert oder August Sander Gedanken macht und vom Leben seiner Familie erzählt. Dieser Frühlingsband, der ohne Kapitel- oder lexikalische Stichworteinteilungen auskommt und mehr den Charakter eines romanhaften Textes hat, handelt vordergründig von einem Tag des Vaters mit seiner inzwischen drei Monate alten Tochter.

Autor Karl Ove Knausgård (Foto: Luchterhand Literaturverlag - Thomas Wagström)
Autor Karl Ove Knausgård Luchterhand Literaturverlag - Thomas Wagström

Knausgård berichtet, wie er die drei anderen Kinder aus dem Bett scheucht, sie in die Kita und zum Schulbus bringt oder er mit der Neugeborenen einen Freund besucht, von dem er sich vorstellt, dass dieser der Besitzer eines kleinen Landguts aus der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts hätte sein können. Und er berichtet, wie er sich schließlich auf den Weg ins rund fünfzig Kilometer entfernte Helsingborg macht, um seine Frau Linda im Krankenhaus zu besuchen. Sie ist hier zum wiederholten Mal wegen ihrer Depressionen in stationärer psychiatrischer Behandlung.

Das ist nicht besonders spektakulär - und wird nicht spektakulärer dadurch, dass Knausgård an diesem Tag kaum noch Benzin hat, weder Bargeld noch Kreditkarte mit sich führt und zu allem Überfluss bei seinem Freund das Milchfläschchen der Tochter vergisst. Seinen Reiz und seine Größe bekommt diese Alltagssschilderung durch das Erinnerungsvermögen Knausgårds. Wie er sich seine Gedanken macht über das Besondere, Staunenswerte und auch Unbegreifliche des Daseins, wie er Reflexionen über die Liebe und das Leben anstellt, über die Wirklichkeit und eine potentielle zweite Wirklichkeit.

Der Text richtet sich stets an eine einzige Adressatin: seine Tochter

All das vermittelt er bisweilen auch über die Lektüre anderer Bücher, zum Beispiel die von Iwan Turgenews Roman „Väter und Söhne“ mit dem angehenden Mediziner und überzeugten Nihilisten Jewgeni Basarow als Hauptfigur. Basaraow sagt sich von seinen Eltern los, die ihn über alles lieben, und Knausgård fragt sich, über das eigene Kind- und Elterndasein nachdenkend, ob Basarow deshalb wirklich ein schlechter Mensch ist:

Knausgård hält sich mit „Im Frühling“ an eine literarische Form. Nie vergisst er, dass er eine Adressatin hat, durchgängig spricht er sein Töchterchen mit „Du“ an. Und er bettet in die Rahmenerzählung von diesem Tag im April immer wieder geschickt Erinnerungen an vergangene Ereignisse, meist an vergangene Sommer, die diesen Band gerade mit seinen hinreißend lichten und zart-unauffälligen Naturbeschreibungen oft selbst wie ein Sommerbuch erscheinen lassen.

An einen Sommer vor acht Jahren auf Farö, wo Ingmar Bergmann gelebt hatte, an einen, an dem Knausgård dort auf einem Bergman-Symposium selbst über den Filmemacher sprechen soll. Aber auch an einen, in dem seine Frau Linda wegen ihrer schweren Depression nicht eine geplante Reise nach Brasilien antreten kann, was zu Streit führt, zu Schuldgefühlen wegen seiner Widerstände und Geständnissen wie dieses:

Ein hohes Lied auf das Familienleben

„Im Frühling“ wirkt in seinem Zentrum noch einmal wie ein Nachtrag zu der aus den Bänden von „Min Kamp“ bekannten Erzählung über die schwere, behandlungsbedürftige Depression von Linda Knausgård. Ihre Krankheit macht den Schriftsteller zu einer Art alleinerziehenden Vater und naturgemäß das Familienleben nicht einfach.

Trotzdem scheint es Knausgård ab und an zu schaffen, sich an den Schreibtisch zu setzen, sich früherer Begebenheiten erinnern oder bestimmter Wetterstimmungen entsinnen zu können, etwa an frühe Sommertage, „wenn noch ein kühler Hauch in der Luft liegt und die Wärme verschwindet, sobald die Sonne von einer Wolke verdeckt wird“. Kurzum: Karl Ove Knausgård gelingt es, ein hohes, wundervolles Lied auf das Leben und die Liebe zu seiner Frau und zu seinen jetzt vier Kindern zu singen und daraus mit „Im Frühling“ Literatur zu machen.

Dabei folgt die Form der Fiktion, gewissermaßen. Denn das wahre Leben, gerade auch das der Knausgårds, wird zu guter Letzt doch von viel widerspenstiger Formlosigkeit bestimmt.

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