Ursula März: Tante Martl (Foto: Piper Verlag)

Buch der Woche Ursula März - Tante Martl

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Sendedatum
Sendezeit
17:05 Uhr
Sender
SWR2

Ein starkes Buch über eine - auf den ersten Blick - völlig unscheinbare Frau: Das ist "Tante Martl", der autobiographische Roman der Literaturkritikerin Ursula März.

Anhand der Geschichte ihrer Patentante schildert sie ein Frauenleben der Kriegs- und Nachkriegsgeneration in der pfälzischen Provinz - zwischen Selbstlosigkeit und Eigenständigkeit. Ein sehr bewegender und zugleich humorvoller Roman.

Die Hauptfigur ist auffallend unauffällig

Unauffälligkeit, das ist noch die herausragendste Eigenschaft, mit der sich die Hauptfigur Martina, genannt Tante Martl, beschreiben lässt:

Und nüchtern heißt es über sie an anderer Stelle:

Der Vater wünscht sich einen Stammhalter

Und doch macht Ursula März aus diesem vermeintlich kleinen, geduckten Leben eine große Geschichte. Mit einer starken Szene fängt der Roman gleich an: Martina kommt 1925 zur Welt: Wieder ein Mädchen! Die dritte Tochter!

Eine Katastrophe für den Vater, der sich endlich einen Stammhalter gewünscht hatte. In seiner Wut und Enttäuschung meldet er sie auf dem Amt als Martin an. Für eine Woche ihres jungen Lebens ist Tante Martl auf dem Papier also ein Junge.

Bis die Mutter einschreitet und den Vater zwingt, den Eintrag wieder zu ändern.

Das Gefühl des Ungewolltseins prägt Tante Martls Leben

Das ist die Urszene des Romans - und die "Martin-Geschichte", wie sie als lustige Familienanekdote immer wieder kolportiert wird, schwebt ein Leben lang als dunkle Wolke über Tante Martls Leben:

Die junge Frau hört nicht auf, um die Liebe ihrer Eltern zu kämpfen

Das ist die traurige Seite der Lebensgeschichte von Tante Martl: Sie ist die unscheinbare und ungeliebte Nebenfigur, die einzige der drei Schwestern, die vom rasenden Vater grausam gezüchtigt wird und die dennoch nie aufhören wird, sich die elterliche Liebe irgendwie zu ertrotzen.

Sie ist diejenige, die am Ende bei den Eltern bleibt und den Vater nach einem Schlaganfall bis zu seinem Tod aufopferungsvoll pflegt.

Aber Ursula März erzählt noch eine andere Version dieser auf den ersten Blick so unglücklichen Existenz.

Martl ging nicht den klassischen bürgerlichen Lebensweg

Nämlich die einer starken, unabhängigen Frau, die am Ende womöglich ein freieres und zumindest momentweise schöneres Leben hatte als die beiden Schwestern, die den klassischen bürgerlichen Weg der Heirat und Familiengründung gingen.

Das Ende des Romans hält packende Wendungen parat

Unaufgeregt und lakonisch ist der Ton, wenn Ursula März vom Leben ihrer Tante berichtet, das vordergründig extrem ereignislos verläuft, das aber doch, zumal am großartigen Ende des Romans, einige spektakuläre Wendungen nimmt.

Autorin Ursula März (Foto: Pressestelle, Piper Verlag / Jennifer Endom)
Autorin Ursula März Pressestelle Piper Verlag / Jennifer Endom

Der Roman ist gespickt mit vielen komischen Passagen

Außerdem gelingen März auch viele hinreißend komische Passagen, wenn sie etwa ihre Tante im breitesten Pfälzisch lospoltern lässt oder deren Schrullen beschreibt:

Der Roman zeigt, wie prägend das System Familie sein kann

Man erfährt viel über die unterschiedlichsten Arten des Schweigens einer kriegstraumatisierten Generation, auch darüber, wie sehr das System Familie das eigene Leben bis an den Rand zur Tragik prägen kann.

Wer sich heute als Frau angesichts der unzähligen Wahlmöglichkeiten gelegentlich überfordert fühlt, der wird nach der Lektüre von "Tante Martl" auf jeden Fall leiser klagen.

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