Buch-Tipp "Vivaldi und seine Töchter“: Roman von Peter Schneider

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10:05 Uhr
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SWR2

Peter Schneiders Roman „Vivaldi und seine Töchter“ handelt von Vivaldis Gründung eines Mädchenorchesters in einem Waisenhaus, aus dem das erste Frauenorchester Europas hervorging.

„Da stand ich also nach dem Vormittagsunterricht, wenn meine Klassenkameraden längst ins Schwimmbad oder zum Fußballplatz geradelt waren, mit meiner Geige in einem Klassenzimmer des roten Backsteingebäudes und füllte die Räume mit den Arpeggios eines Violinkonzertes von Vivaldi. Und tat so, als bemerkte ich die Mädchen nicht, die in der Pause die Tür öffneten, unter dem Türsturz stehen blieben und mir lauschten. Andere hatten ihre ersten Erfolge, weil sie gute Fußballspieler waren; ich hatte sie mit Vivaldi.“

Kein Wunder also, dass Peter Schneider das Vorwort zu seinem Vivaldi-Buch „Vorspiel“ nennt. Vivaldi hat ihn nie wieder losgelassen und jetzt im höheren Alter hat er seine Beschäftigung mit dem „prete rosso“, dem roten Priester, wie Vivaldi aufgrund seiner roten Haare genannt wurde, vertieft.

Ursprünglich plante Schneider, gemeinsam mit seinem Freund, dem legendären Kameramann Michael Ballhaus, einen Film über Antonio Vivaldi. Regie nach einem bereits vorliegenden Drehbuch von Peter Schneider sollte Volker Schlöndorff führen. Der Film kam nicht mehr zustande, Initiator Ballhaus starb 2017.

Schneider intensivierte die Recherche und aus seinem Drehbuch wurde eine packende Romanbiographie. Sie kreist um die Geschichte des „Ospedale della Pietà“ in Venedig, einem Waisenheim für unverheiratete junge Frauen, fast alle ohne Familie, an dem Vivaldi lange gewirkt hat. Dort formte er aus den musikalisch begabten Mädchen das erste Frauenorchester Europas.

Da die Familiennamen der Musikantinnen unbekannt waren, bzw. streng geheim gehalten wurden, benannte man sie nach ihrem musikalischen Fach: Anastasia del Soprano, Cattarina del Violo, Madalena del Violin, Maria della Tromba.“

Hier am Ospedale della Pietà an der Riva degli Schiavoni das heute noch steht, entstand ein Großteil von Vivaldis Instrumentalkompositionen und er schrieb sie für Musikerinnen. Zudem beginnt in diesen Gemäuern auch die besondere Beziehung zu den Halbschwestern Paolina und Anna Girò. Zunehmend begeistert er sich für das Musiktheater und sowohl als musikalischer Leiter an der Pietà wie als Opernkomponist und Impresario war er auf den Erfolg seiner Produktionen angewiesen.

Offenbar verfügte Anna über beide Talente: über eine ausdrucks- und ausbildungsfähige Stimme und die Gabe, sich auf jeder Bühne, auch auf der Bühne von Vivaldis unbewussten Sehnsüchten, in Szene zu setzen.“

Die talentierte Kindfrau Anna kann er nur im Doppelpack mit ihrer Mandoline spielenden Schwester in der Pietà aufnehmen, das macht Anna zur Bedingung. So werden Vivaldi, Anna und Paolina ein Team, das bis zum Tod Vivaldis zusammenhält. Er ist ein Workaholic, komponiert neben unzähligen Instrumentalwerken, deren Autographe er gewinnbringend in alle Welt verkauft, insgesamt 94 Opern. Anna wird später seine Primadonna und mit den beiden Schwestern geht er auf Tour durch Europa, und mehr und mehr übernehmen sie neben der Musik auch die Rollen als Managerinnen.

Kenntnisreich aber nicht belehrend

Peter Schneider ist ein geradezu genialer Musikerzähler, vielleicht auch, weil er Sohn eines Professors für Musikpädagogik ist und bereits als junger Mann im Orchester seines Vaters bei den zweiten Geigern mitspielte. Kenntnisreich, jedoch nie belehrend, dafür aber unterhaltsam im Erzählton, bringt der Barockmusikkenner seinen Lesern äußerst informativ Vivaldi, dessen Musik, und die Machenschaften der damaligen Musikwelt, insbesondere der Venezianischen nahe.

Geschichte und Fiktion

Im Hintergrund spielen stets Vivaldis lebenslange Konfliktthemen mit, wie sein Dasein als römisch-katholischer Priester und seine Astma-Krankheit. Schneider erzählt diese Geschichte aus verschiedenen Perspektiven und blendet immer wieder Gespräche ein, die er mit dem 84jährigen Archivar der Pietá, Giuseppe Ellero, geführt hat. Mit Liebe zum Detail schafft Schneider bildreiche Szenen, kommt auf Michael Ballhaus zurück, fügt Historisches und Fiktion ein und gesteht im Anschluss an den Dialog zwischen Vivaldi und Rousseau, dass es sich hier um reine Spekulation handelt.

Die beiden hätten sich begegnen können, wenn Vivaldi nicht kurz vor Rousseaus Ankunft in Venedig aus der Stadt verschwunden wäre.“

Wegen des heute durch die Kommerzialisierung so großen Interesses an Vivaldi, der noch vor Mozart als weltweit meistgespielter Komponist gilt, ist es kaum vorstellbar, dass sein Ruhm bereits gegen Ende seines Lebens verblasste. Und die Entdeckungsgeschichte seines Oeuvres geht auf den abenteuerlichen Zufallsfund eines großen Konvoluts von Partituren zurück, das 1926 aus einem Kloster an die Nationalbibliothek in Turin kam. Schneider macht daraus eine Art Showdown. Richtig populär wurde Vivaldi jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

Und was das große Thema Vivaldi und die Frauen betrifft, so hat Schneider im Dialog mit dem Archivar auch für diese amouröse Seite Vivaldis eine erstaunliche These parat. Doch dies soll hier nicht verraten werden, denn dieses erhellende Buch verdient es gelesen zu werden.

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