Buch-Tipp Musikalischer Merian-Reiseführer erschienen

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10:05 Uhr
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SWR2

Im brandneuen Merian-Reiseführer gibt es Einführungen und Porträts zu Opernfestspielen und Klassikfestivals rund um den Globus. Eva Hofem hat sich durch den geschmackvoll gestalteten Band gelesen.

Tja, wie sucht man wohl die besten und vor allem empfehlenswertesten Opernfestspiele und Klassikfestivals der Welt aus? Gar nicht so leicht. Denn was seit einigen Jahren immer wieder in aller Munde ist, zeigt sich an diesem neuen Merian-Buch ganz deutlich: Im Klassikbereich gehören Festspielen und Festivals die Zukunft. Das zeigt schon die aufklärende Einführung des Buchs, bevor es mit dem Feuerwerk an hochkarätigen aber auch weniger bekannten Festivals losgeht. Die erste Frage wird direkt geklärt: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Festspielen und Festivals?

Als Festspiel wird ein historischer Veranstaltungstypus bezeichnet, der sich allmählich zu einer kulturgeschichtlichen Marke entwickelt hat, die in Richard Wagner ihren wahren Gründervater sieht. Mit den Festspielgründungen an der Schwelle zum 20. Jahrhundert hat sich dieser Veranstaltungstypus endgültig etabliert. Festivals dagegen umschreibt einen erst nach 1945 entstandenen und darum eher als zeitgemäß empfundenen Veranstaltungstypus, der seine Produkte wie jedes andere Wirtschaftsunternehmen vermarktet und dem Kräftespiel von Angebot und Nachfrage unterwirft.“

Nachdem die Basis geklärt ist, geht es endlich los mit dem eigentlichen Wahnsinn: 50 Schauplätze auf der ganzen Welt, die sich jährlichen Klassik-Events verschrieben haben. Auf Platz 1 stehen - wie sollte es anders sein - Bayreuth und die Richard-Wagner-Festspiele. Historische Backstage-Bilder, aktuelle Inszenierungsfotos, Ölgemälde und eine gründliche Einführung in die Festspiel-Geschichte: Bayreuth ist ein gutes Beispiel dafür, dass es in diesem Buch nicht nur um schillernden Reisejournalismus geht.

Richard Wagner ließ für sein Gesamtkunstwerk aus Text, Musik und Szene fernab des Repertoire-Betriebs und der höfischen Bühnen ein Theater in der Provinz bauen, bei dem er alles selbst bestimmen konnte. Eigentlich war ein Haus aus Holz geplant, in dem das Publikum bei freiem Eintritt dem Ring des Nibelungen lauschen konnte und das anschließend abgebrannt werden sollte. Doch es kam anders.“

Den weit größeren Teil des Reiseführers nehmen aber die nicht ganz so bekannten Festivals und Festspiele ein. Waren Sie schonmal in der irischen Industriestadt Wexford beim Opernfestival? Es ist offenbar eine Reise wert – denn neue Opern müssen nicht zwangsläufig auch was mit Neuer Musik zu tun haben.

In Wexford kann man keine Aida und keine Walküre und auch nicht Madama Butterfly sehen, aber von denselben Komponisten Opern wie „König für einen Tag“, „Das Liebesverbot“ oder „Edgar“. Nach Wexford kommen Tontrüffelsucher, um unbekannte Werke bekannter Tonsetzer zu genießen oder gänzlich Verschüttetes neu zu entdecken.“

Doch es werden ja nicht nur Opernfestspiele besprochen, dafür ist die internationale Kulturlandschaft viel zu bunt gemischt. Unterteilt wird hier in viele unterschiedliche Kapitel: in Monothematische Festspiele, Historisch konnotierte Festivals, Operettenfestivals, Alte-Musik-Festivals, Neue-Musik und Musiktheater-Festivals, Kammermusik-Festivals, Auf Orte bezogene Festivals, Auf Regionen bezogene Festivals, von Musikerpersönlichkeiten initiierte Festivals und Musikkreuzfahrten. Letztere werden mit leichtem Augenzwinkern von einem der insgesamt neun Autoren dieses Buches so beschrieben:

Auf der Passagierliste befindet sich ein Klavierstimmer und das Publikum ist internationaler: Man startet für 10 Tage zur Kreuzfahrt „Musik und Meer“. Mit dabei ein Starorchester, das teuer ist, als launisch gilt und eigentlich nie Zeit für eine Ferienreise hat: die Wiener Philharmoniker. Diesmal geht es nicht einfach durchs Mittelmeer, diesmal gibt es Beethoven und Schubert satt, Goldkehle und Klarinettentrio, vor allem aber Klassikstars zum Anfassen. Startenor Ramon Vagas hat verstanden, wie es hier läuft: Nähe heißt Unterhaltung mit nicht allzu viel Tiefgang, moderieren, Witze machen, die Seele streicheln.“

Eine extravagante Mischung ist dieser Reiseführer in jedem Fall, denn man kann von Vokal- zu Instrumentalmusik springen, von Finnland nach Venedig und von Alter zu Neuer Musik. Mit dem Finger auf der stilisierten Landkarte vorne im Buch oder mit ein bisschen Vorstellungskraft. Wie wäre es mit einem Trip nach Kalifornien zum Ojai Music Festival? Beim sogenannten „Donaueschingen der USA“ gibt es Zeitgenössisches im Sonnenuntergang. Die Open-Air-Bühne mit ihren jährlich wechselnden Künstlerischen Leitern wie Kent Nagano, Emanuel Ax oder Barbara Hannigan ist ein Aushängeschild des prominent besetzen Festivals.

Die Merian-Autoren sind übrigens durch die Bank weg Musikwissenschaftler, Dramaturgen oder ausübende Künstler mit starkem Bezug zum Journalismus – und das merkt man. Die Texte sind locker geschrieben und dennoch mit fundiertem Fachwissen. Ein immerwährender Kalender zeigt im Anhang alle besprochenen Spielstätten im Verlauf eines Jahres an. Mit seinem Hardcovereinband, den festen Buchseiten und brillanten Abbildungen hat man eher einen hochwertigen Bildband vor sich, weniger einen Reiseführer. In die Handtasche zum Abendkleid passt er aufgrund seiner Größe wohl eher nicht. Und das lernt man bei der Lektüre ebenso: Die Garderobe ist gar nicht so wichtig. Leidenschaft, Spaß und Neugier sind die wichtigsten Begleiter bei Besuchen der Klassikfestivals dieser Welt.

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