Buch-Tipp Silke Leopolds Biographie von Leopold Mozart

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10:05 Uhr
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SWR2

„Ein Mann von vielen Witz und Klugheit“ lautet der Titel der neu erschienen Biographie über Leopold Mozart. Autorin Silke Leopold hat sich auf die Spuren von Wolfgang Amadeus Mozarts Vater begeben, der vor 300 Jahren geboren wurde. Christoph Vratz hat die Biographie gelesen.

Leopold Mozart – um seine Person ranken sich viele Gerüchte, auch viele Vorurteile. Daher stellen sich von vornherein mehrere Fragen:

"Was wüssten wir heute von Leopold Mozart, wenn er nicht der Vater seines Sohnes gewesen wäre? […] Was wäre aus Joannes Chrysostymus Wolfgangus Theophilus […] wohl geworden, wenn er einen anderen Lehrmeister gehabt hätte? Wenn der Vater nicht die Jahrhundertbegabung dieses Kindes erkannt und sein Leben fortan der Förderung seines Sohnes gewidmet hätte?"

Ausführliche Dokumentation

Kaum ein Komponist um die Mitte des 18. Jahrhunderts ist so ausführlich dokumentiert wie Leopold Mozart, vor allem dank des lebhaften Briefwechsels mit seinen Kindern, auch wenn es dort – sei es durch Sorglosigkeit oder bewusstes Verschwinden-Lassen – auch erhebliche Leerstellen gibt.

Leopold Mozart wächst in eine Zeit etablierter Herrschaftsverhältnisse und starrer konfessioneller Schranken hinein. Doch die scheinbar festen Strukturen erweisen sich als brüchig. Und so wird Vater Mozart immer mehr zu einem Brückenbauer zwischen verschiedenen Welten.

„Ein Jesuitensohn, der mit den Protestanten Freundschaften schloss, ein Bürgersohn, der dem Adel diente, ein Geiger, der als Schriftsteller zu reüssieren hoffte.“

Leopold Mozart ist ein wacher Geist, „…der mit offenen Augen durch die Welt reiste und sich nicht nur über die Künste und Wissenschaften seine eigenen Gedanken machte, sondern auch über die Lebensverhältnisse der Menschen in einem Europa, in dem die Aufklärung […] alle Lebensbereiche zu durchdringen begann.“

Die renommierte Musikwissenschaftlerin Silke Leopold erzählt die Biographie des Leopold Mozart auf knapp 300 Seiten, angefangen von der Geburt in Augsburg über die Frage, warum er die Stadt schließlich verlässt und sich in Salzburg niederlässt, wo doch die Vertreibung der Protestanten die Stadt in eine umfassende Rezession geführt hat. Immer wieder gerät die Karriere Leopolds ins Stocken:

„Schulabbrecher in Augsburg, Studienabbrecher in Salzburg. Was er nicht will, weiß Leopold Mozart ganz genau. Dass es die Musik sein wird, die <ihm> ein neues Leben eröffnet, ist beim Verlassen der Universität keineswegs ausgemacht.“

Er wird bei einem Grafen zunächst „Kammerdiener“, ein bis heute schwammiger Begriff, bevor er als Geiger bei der Salzburger Hofkapelle beginnt – mit kleinem Gehalt. Leopold gründet eine Familie und wird siebenmal Vater – fünf Kinder sterben früh, zwei überleben: Nannerl und Wolfgang.

50 Seiten braucht Silke Leopold, bis sie am entscheidenden Wendepunkt im Leben des Leopold Mozart anlangt. Die genialen Begabungen des Sohnes werden sein Leben fortan bestimmen. Doch bevor das Vater-Sohn-Verhältnis in den Fokus rückt, lenkt die Autorin den Blick auf den Komponisten Leopold, der sich musikhistorisch kaum verorten lässt.

„Im Gänsemarsch der Epochen klafft zwischen dem, was wir gemeinhin als „Barock“ bezeichnen, und dem, was sich […] als „Wiener Klassik“ etabliert hat, eine Lücke.“

Ab den 1740er Jahren beginnt Mozart, sich einen Namen als Komponist zu machen, vor allem mit Sinfonien und Serenaden.

Auf einige dieser Werke geht Silke Leopold genauer ein, ohne sie analytisch zu zergliedern. Anschließend widmet sie sich Mozart, dem Schriftsteller, und schließlich dem Wegbereiter der Karriere seines Sohnes. Der Manager Mozart wird immer mehr zum Ratgeber:

„Was Leopold Mozart besondere Sorge macht, ist eine Wesensart seines Sohnes, die ihm als Kind viele Sympathien eingetragen hat […] – seine Gutgläubigkeit, seine allzu rasche und kritiklose Verbundenheit mit Personen, deren Gesinnung er nicht einschätzen kann, und seine Sorglosigkeit in finanziellen und organisatorischen Fragen.“

Neues biographisches Standardwerk

Mit geradezu protokollarischer Genauigkeit, gleichzeitig aber mit einem hohen Maß an Anschaulichkeit – gerade, wenn es darum geht, historische Einordnungen vorzunehmen – erzählt Silke Leopold das Leben von Vater Mozart. Sie arbeitet in diesem neuen biographischen Standardwerk die vielen Konflikte mit großer Genauigkeit heraus, ohne dabei blind Partei für oder gegen manche seiner Eigenheiten zu ergreifen. So entsteht ein wohltuend sachliches und äußerst facettenreiches Bild, an dessen Ende ein zunehmend alternder, aber auch – Wolfgang gegenüber – unversöhnlicher Mann steht. Leopold Mozart, ein Mensch voll Witz und Klugheit…

„..belesen und gebildet, weltmännisch und kultiviert […] – dennoch jemand, mit dem der Umgang nicht leicht gefallen war.“

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