Buch-Tipp Der siebte der 12 Cellisten: Das Leben von Rudolf Weinsheimer

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SWR2

Sie sind fast genauso berühmt wie das Orchester, unter dessen Namen sie seit fast 50 Jahren musizieren: die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker. Die Urbesetzung ist zwar längst nicht mehr am Start, doch ist jetzt die Geschichte eines Gründungsmitglieds erschienen. „Der siebte Cellist – aus dem Leben des Berliner Philharmonikers und Gründers der 12 Cellisten Rudolf Weinsheimer“ lautet der Titel der Neuerscheinung, die Georg Waßmuth vorstellt.

„Ich habe etwas so Ungewöhnliches erreicht und erleben dürfen – das ist ein großes Geschenk! Nun kann ich doch zufrieden und heiter sein bis zum Ende meines Lebens. Aber das ist dennoch nicht einfach. Ich vermisse all das, was mein Leben ausgemacht hat über eine so lange Zeit.“

Schüler, Freunde und Weggefährten haben Rudolf Weinsheimer bedrängt seine Biografie zu erzählen. Der Cellist hat erst einmal gezögert, sich dann aber der Autorin Monika Borth anvertraut. Es ist eine faszinierende Erzählung geworden, die man mit großem Gewinn lesen kann. Geboren wurde Rudolf Weinsheimer 1931 als zweites von fünf Kindern in Wiesbaden. Sein Vater war Solo-Bratscher im dortigen Staatstheater, die Mutter gab ihren Beruf als Kindergärtnerin auf. Als Rudolf acht Jahre alt war und auf der Straße spielte sah er seinen Vater einen unförmigen Kasten ins Haus schleppen. „Das ist ein halbes Cello, spiel doch mal“ lautete dann die Ansage.

„Nach und nach entdeckte ich, wie man dem Instrument wohlklingende Töne entlockte. In den Augen meines Vaters war ich nun aufgerückt in die Musiker-Gemeinschaft. Es gibt den Spruch, es sei das höchste Glück erkannt zu werden, und im Nachhinein bin ich meinem Vater dankbar, dass er meine Begabung so früh erkannt und mich dann nach Kräften gefördert hat. Doch damals wäre ich so manches Mal lieber nach draußen gerannt, um mit meinen Freunden Klicker zu spielen.“

Rudolf Weinsheimer schildert sehr eindringlich wie er seine Kindheit in Wiesbaden verbrachte. Er erhielt Unterricht bei einer engagierten Cello-Lehrerin, doch gleichzeitig bricht der 2. Weltkrieg aus und man steckt ihn in die Hitlerjugend.

Sein Gymnasium wird ausgebombt, als Ersatz ist ein Wehrertüchtigungslager angesagt. Das Kriegsende erlebt der Jüngling relativ sicher in einem Kloster. Das Cello war dabei stets an seiner Seite. Schon 1947 konnte Weinsheimer eine Stelle im Theaterorchester in Oberhausen antreten. Da war er gerade einmal 16 Jahre alt. Mit seinem Vater, den es nach einem Berufsverbot wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft ebenso in die Provinz verschlagen hatte, hauste er in einer sehr bescheidenen Nachkriegsunterkunft.

„Neben unserer Kammer gab es noch weitere, die von anderen Leuten bewohnt wurden, auch von ganzen Familien. Es gab nur ein Blechwaschbecken und eine Toilette. Zum Baden wurde eine Zinkwanne ins Zimmer gestellt und mit einem langen Schlauch vom Waschbecken aus zunächst mit kaltem Wasser gefüllt, dann wurden mehrere Kessel heißen Wassers vom Herd dazu gekippt. Zwei Jahre sollte das so gehen.“

Die Welt stand Tatkräftigen und Begabten wieder offen und Weinsheimer braucht keine Einladung. Er ließ die Notunterkunft hinter sich und studierte endlich Cello um die Karriereleiter hochzuklettern. Auf Seite 31 der Biografie ist ein herrliches Schwarz-Weiss-Foto zu sehen, das die Dynamik dieser Zeit eingefangen hat. Der junge Künstler trägt noch Sandalen, Kniestrümpfe und eine kurze Hose, an seiner Seite flaniert aber schon eine junge, auffallend hübsche Dame.

„Wenn sie ihr dunkles, halblanges Haar im Tanz zurückwarf,wenn sie barfüßig über den Boden sprang, die Arme über den Kopf führte im leichten Bogen, wenn sie sich drehte und plötzlich zu Boden fallen ließ, als sei sie in einem schweren Traum gefangen, dann klopfte mein Herz schneller. Und auch sie, das merkte ich schnell, saß oft ganz vorne, wenn ich auf meinem Cello spielte, fest verankert auf dem Boden mit meinen Füßen, die Sprünge vollführte ich nur mit dem Bogen auf meinem Instrument. Wenn ich vorsichtig zu ihr hinübersah, blickte sie schnell zu Boden.“

Während des Studiums an der Folkwang-Hochschule entwickelte sich Rudolf Weinsheimer zu einem wahren Meister. Nach diversen Stationen konnte er im Jahr 1956 ein nervenaufreibendes Probespiel bei den Berliner Philharmonikern für sich entscheiden. Herbert von Karajan, die erste Japan-Tournee, die Eröffnung der neuen Berliner Philharmonie – dies und vieles mehr schildert der Künstler aus nächstem Erleben. Mit drei seiner Kollegen initiierte er auch ein Cello-Quartett, das sehr erfolgreich gastierte. Es war im Grunde genommen Keimzelle für die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker. Ein Redakteur des ORF war vom Quartett-Klang so begeistert dass er nach Noten für eine größere Besetzung suchte. Im März 1972 produzierten die zwölf in Wien ihre erste Aufnahme. Weinsheimer war Cello Nummer 7 und blieb fortan für ein viertel Jahrhundert Ideengeber, Triebfeder und Mediator in Personalunion.

„Im Orchester spielen die Celli normalerweise gemeinsam eine Stimme. Und nun hatte jeder seine eigene! Da saßen nun lauter hochspezialisierte Musiker und mussten sich in das Gesamtkonzept einfügen. Das Geheimnis für das Gelingen unserer Zusammenarbeit war der kollegiale und ungezwungene Ton.“

Die 12 Cellisten wurden vom Erfolg geradezu überrollt. Solch ein Ensemble hatte es bis dato nicht gegeben. Zahlreiche Komponisten warfen ihren Hut in den Ring und lieferten Stücke oder Bearbeitungen. Egal ob der Bundespräsident rief oder eine Deutsche Botschaft im Ausland, das Ensemble setzte sich umgehend in Marsch.

„Für die weiten Flugreisen mussten unsere Celli immer gut verpackt werden. Sie kamen zunächst in die Kästen aus Glasfiber, dann in Jutesäcke und schließlich mussten sie den Fensterplatz in der Business-Class einnehmen. Sie sollten bei ihren jeweiligen Besitzern sein und diesen den Fluchtweg frei lassen. Das ließ sich organisieren. Die Celli saßen auf teuren Plätzen!“

Die Autorin Monika Borth strukturierte das opulente Künstlerleben in sehr gut lesbare Kapitel. Ganz kann sie den Abzählreim aus Stationen und berühmten Namen nicht vermeiden, denn Weinsheimer war rastlos und die Aktivitäten führten ihn rund um den Globus. Der siebte Cellist gewährt auch intensive Einblicke in sein Privatleben. Alter und Krankheiten, davor ist auch er nicht geschützt. So endet dieses sehr lesenswerte Buch eines unentwegten „Musikmachers“ in einem melancholischen Ausklang. Der Meister-Cellist hat einen Hörsturz erlitten und leidet an einem unheilbaren an Tinnitus. Das siebte Cello ist für immer verstummt.

„Ich könnte alles sofort wieder spielen. Aber mein Cello könnte mir nicht antworten, ich wüsste nicht, ob die Töne richtig sind. Schlimmer noch: Sie würden verzerrt und schmerzhaft in mein Ohr treffen. Alle Töne klingen falsch und schrill. Musik zu hören ist zur Qual geworden. Doch was ich gespielt habe, lebt fort in mir. So lange ich lebe, ist es nicht verloren.“

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