Buch-Tipp Arnold Werner Jensen – Musiknation Deutschland? Ein Plädoyer über die Zukunft unserer Orchester

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10:05 Uhr
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SWR2

Ende 2019 will die UNESCO darüber entscheiden, ob die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wird. Der Heidelberger Autor Arnold Werner-Jensen hat vor der Entscheidung der UNESCO ein neues Buch mit dem Titel „Musiknation Deutschland?“ herausgegeben. Jan Ritterstaedt hat es gelesen.

Darstellung des Status quo

"Ein Plädoyer für die Zukunft unserer Orchester" - so lautet der Untertitel dieses Buches. Das klingt nach einer Fülle stichhaltiger Analysen und Argumente, was genau die deutsche Orchesterlandschaft qualitativ ausmacht und warum sie deshalb unbedingt erhalten und für die Zukunft fit gemacht werden soll. Wer dieses Buch mit dieser Erwartung zu lesen beginnt, wird am Ende allerdings eher enttäuscht. Statt Ideen und Visionen enthalten die 208 Seiten kaum mehr als eine Darstellung des Status quo und vor allem beständige Wiederholungen altbekannter Erkenntnisse und Forderungen, wenn auch manchmal in schöne Worte gekleidet.


Wir müssen nicht nur Musiker- und Publikumsnachwuchs erziehen, sondern auch Politiker, die über Kulturbudgets entscheiden, und zwar erziehen zu einem prinzipiellen Verständnis von Kultur und dass sie es wert ist, bewahrt zu werden – auch wenn es Geld kostet.“


Schon auf den ersten Seiten von Arnold Werner-Jensens Buch wird deutlich, dass der Autor die Orchesterlandschaft Deutschland vor allem über die öffentlich geförderten Kulturorchester definiert. Der große Bereich der freien Orchester, der Laienorchester, Jazzorchester, Filmmusik- oder Poporchester wird dagegen weitgehend ausgespart.

Im ersten Teil des Buches geht es um "Rote Listen", Fusionspläne, Orchesterprofile, Berufsbilder, das Publikum, Spielstätten oder die Ausbildung des musikalischen Nachwuchses. Seitenweise reiht Arnold Werner-Jensen Fakten an Fakten, Beispiele an Beispiele. Vor allem aber entwickelt der Autor daraus kaum konkrete Charakteristika, was die deutsche Orchesterlandschaft eigentlich qualitativ auszeichnet. Das geht schon beim Thema Orchesterklang los: Anstatt diesen tatsächlich zu beschreiben oder zu definieren, begnügt sich Arnold Werner-Jensen mit einer Auflistung allgemeingültiger Kriterien und resümiert:

All das Genannte ergibt im Idealfall ein klangliches (und auch spieltechnisches) Gesamtbild des Kollektivs. Dieses Gesamtbild, das Klangprofil eines Orchesters, kann mehr oder weniger unverwechselbar sein. Es hängt, wie gesagt, vor allem vom verantwortlichen Dirigenten ab, er muss dieses individuelle Profil allerdings auch wollen.“

Arnold Werner-Jensens Buch richtet sich vor allem an Einsteiger, die sich mal ein erstes Bild von der deutschen Orchesterlandschaft verschaffen möchten. Für diese Zielgruppe mögen auch die häufigen Wiederholungen von Namen, Daten und Fakten nützlich sein. Irgendwann wirken regelmäßig wiederkehrende Formulierungen wie "wie gesagt" oder "wie schon geschrieben" dann aber dann doch etwas ermüdend. Der zweite Teil des Buches "Musiknation Deutschland?" bietet einen geografisch geordneten Durchmarsch durch die aktuelle deutsche Kultur-Orchesterlandschaft mit ein paar Fakten hier und einer Anekdote aus der Geschichte dort.“

„In Trier spielt das Philharmonische Orchester, das 1919 gegründet und schon drei Jahre danach städtisch wurde; es stützt das Musiktheater der Stadt und veranstaltet regelmäßig Konzerte. In der Landeshauptstadt Mainz wiederum musiziert das Philharmonische Staatsorchester Mainz, das sich voller Stolz zu den ältesten deutschen Klangkörpern zählt.“

Auch hier fehlt eine systematische Zusammenfassung, inwiefern etwa die Strukturen und Aufgaben ehemaliger Hofkapellen oder bürgerlicher Orchestervereinigungen bis heute ihre Spuren im Orchesterprofil hinterlassen haben. Anschließend versucht Arnold Werner-Jensen dann eine Art Orchester-Typologie, wobei er sich auch der damit verbundenen Problematik bewusst ist.

Sozusagen hundertprozentige Opernorchester aber gibt es nicht, denn alle Opernorchester spielen auch Konzerte, also mehr oder weniger regelmäßig angebotene symphonische Programme, und haben weitere zusätzliche Auftritte, etwa als Partner des hauseigenen Ballettensembles oder auch eines Oratorienchores.“

Gerade im zweiten Teil seines Buches klingen viele Sätze stark nach Konzert- oder Opernführer. Kein Wunder: hatte derselbe Autor doch vor einigen Jahren eine Art "Orchesterführer" auf den Markt gebracht. Um seinen Text etwas aufzulockern, schiebt Arnold Werner-Jensen einige Interviews in sein Buch ein, u.a. mit Christian Thielemann über den Sonderfall des Bayreuther Festspielorchesters. Der Dirigent äußert sich darin auch über seine Vorstellung von der Erhaltung der deutschen Orchesterlandschaft:

Man muss den Verantwortlichen klarmachen, dass es für den Nachwuchs – bei Musikern, Sängern und auch Dirigenten – wichtig ist, dass sie ihr Repertoire zunächst an kleinen Theatern lernen können.“

Plädoyer für die kleineren und mittleren Ensembles und Opernbühnen

Eine Idee, die auch Arnold Werner-Jensen offenbar dankbar aufgegriffen und in seinem Buch bereits viele Seiten vor dem Interview schon ausgiebig dargestellt hat. Und so wird dieses Buch auch vor allem zu einem Plädoyer für die kleineren und mittleren Ensembles und Opernbühnen im Land mit ihrem kulturellen Versorgungsauftrag in der Fläche. Das ist natürlich sehr lobenswert, würde der Autor nicht die so genannten "Provinzorchester" so stark auf ihre Funktion als Sprungbretter für große Dirigentenkarrieren reduzieren.

Subjektiv gefärbtes Überblickswerk

Alles in allem ist dieses Buch also ein sehr subjektiv gefärbtes Überblickswerk, das den Ist-Zustand der aktuellen deutschen Orchesterlandschaft mit zahlreichen Fakten, Beispielen und schönen Worten feiert. Nur relativ wenig Konkretes erfährt man dagegen über die historischen und kulturellen Voraussetzungen, die diese blühende Landschaft überhaupt erst ermöglicht haben. Vor allem aber fehlen leider wirklich neue Ideen zur Erhaltung und Pflege dieses nominierten immateriellen Kulturerbes.

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