Louise Glück (Foto: IMAGO, dpa Bildfunk,  imagebroker/Shawn Thew/epa/dpa)

Literaturnobelpreis 2020

Kommentar von Frank Hertweck zur Bekanntgabe des Literaturnobelpreises

Stand

Die amerikanische Lyrikerin Louise Glück erhält den Nobelpreis für Literatur "für ihre unverwechselbare poetische Stimme, die mit strenger Schönheit das allgemein Gültige der individuellen Existenz herausarbeitet." (Begründung der Jury)

Früher, da gab es manchmal Hinweise im Vorfeld einer Nobelpreisverleihung Literatur, es gab ein berühmtes britisches Wettbüro, dessen Zuckungen in den Tagen vor der Preisvergabe ein deutlich Indiz war für den mögliche Preisträger, früher konnte man in den Vortagen eine Gruppe von Autorinnen sichten und die Chancen standen nicht schlecht, der Preisträger ist dabei. Klingt nach einer schönen Zeit. War sie aber nicht: dahinter steckten Machenschaften, Verfilzungen, Verstricklungen der übelsten Sorte. Die sind weitgehend aufgeklärt. Und das sind die Zeiten, die man mit dieser Preisverleihung 2020 endgültig hinter sich lassen will.

Und das ist der Akademie wirklich gelungen. Gleichsam mit einem leisen Donnerschlag. Sie hat eine nahezu unbekannte Lyrikerin zur Preisträgerin gemacht, eine leise Stimme aus Amerika, nachdem man von dort in den letzten Monaten nur noch Lärm gehört hat. Louise Glück.

Aber so kann es einem gehen bei der Vergabe des Literaturnobelpreises. Man hat reichlich Bücher gelesen. Natürlich auch aus dem englischsprachigen Raum. Man hat sich für englischsprachige Lyrik interessiert.

Die Favoritin für dieses Jahr, die kanadische Dichterin Anne Carson hätte man zum Beispiel locker vorstellen können und die ist ja nun auch keine allzu bekannte Autorin oder der mythenumrankte Thomas Pynchon mit seinen gewaltigen Romangebirgen, auch der, kein Problem.

Aber jetzt, Louise Glück? Das muß man auch mal zugeben, kenn ich nicht, habe noch nie etwas von ihr gelesen. Ihr Name klingt aber poetisch, das deutsche Glück mit Umlaut, nicht amerikanisiert.

Louise Glück (Foto: Pressestelle, Nobel Media. III. Niklas Elmehed)
Louise Glück, gezeichnet für die Bekanntgabe des Nobelpreises für Literatur

Was man von ihr wissen kann? Sie wurde 1943 in New York geboren und lebt heute in Cambridge. Nach ihrem ersten Gedichtband wurde sie von einer Schreibblockade geplagt, sie hat an amerikanischen Universitäten gelehrt, sie hat sehr wichtige Positionen im amerikanischen Literaturbetrieb eingenommen, 1999 wurde sie zur Kanzlerin der Academy of american poets gewählt, 2003 zur Poeta Laureate der Library of Concress ernannt. Und auch die Liste ihrer Auszeichnungen ist imposant, für ihren Gedichtband Wild Iris, erhielt sie den Pulitzer Preis und 2014 den National Book Award für Lyrik für einen weitere Gedichtband. 12 Gedichtbände hat sie geschrieben. Sie ist also im eminenten Sinne eine Dichterin.

Auf Deutsch wurden zwei Lyrikbände veröffentlicht und das ist auch schon eine Weile her. Zuerst „Averno“, dann „Wilde Iris“, beide von der Schriftstellerin Ulrike Draesner übersetzt. Und beide verbindet ein Thema: der Mensch in der Natur. Einmal im mythologischen Gewand, da wird der Mythos um Persephone, die uns die Jahreszeiten bringt, neu erzählt, das andere Mal spricht die Natur selbst, aber ohne idyllische Tunke im Zustand der Beschädigung.

Aber jetzt gilt es Lesen.

So verwandelt man sich also am Namen der diesjährigen Literaturnobelpreisträgerin von einem Literaturexperten in einen neugierigen Leser, und das ist nicht das wenigste, was so ein Preis erreichen kann.

Beiträge zum Literaturnobelpreis 2018/2019

Platz 1 der SWR Bestenliste im Januar 2018 Peter Handke: Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere

Der Erzähler wird von einer Biene gestochen. Damit beginnt alles. Wie immer gemächlich wandelt der Sprachwandler Peter Handke durch die Welt: mit der Obstdiebin in die Picardie. 

Diskussion Preis-wert oder billig? Der Sumpf der Ehrungen und Auszeichnungen (2018)

Es diskutieren:

Prof. Dr. Jochen Hörisch - Germanist, Medientheoretiker, Universität Mannheim, Dr. Paul Ingendaay - Schriftsteller, Feuilletonist (FAZ), Berlin, Dr. Sigrid Löffler - Literaturkritikerin, Berlin

Gesprächsleitung: Burkhard Müller-Ullrich

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