Nobelpreis-Medaille (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance / Reportdienste - Kay Nietfeld)

Literaturnobelpreis Mats Malm ist Leiter der Schwedischen Akademie - Neuanfang für Literaturnobelpreis?

Missbrauchs- und Korruptionsvorwürfe haben die Schwedische Akademie, die den Literaturnobelpreis vergibt, im letzten Jahr in eine schwere Krise gestürzt. Nun soll Mats Malm als neuer Leiter der Schwedischen Akademie die Wogen glätten. Der Professor für Literaturwissenschaft ist seit 1. Juni Ständiger Sekretär der Akademie.

Mats Malm hat offenbar gelernt aus all dem, was in der Schwedischen Akademie in den vergangenen Jahren schiefgegangen ist: Er schweigt. Auch zum Missbrauchsskandal um Jean-Claude Arnault, den Ehemann des Ex-Akademiemitgliedes Katarina Frostenson, der mehrfach Frauen, selbst Thronfolgerin Viktoria, sexuell belästigt hatte und zusätzlich geheime Namen von Literaturnobelpreisträgern verraten hatte.

Arnault sitzt inzwischen wegen Vergewaltigungen im Gefängnis und seine Frau ist nicht mehr Teil der Akademie.

Krise überwunden?

Die Ernennung Mats Malms zum neuen Ständigen Sekretär der Schwedischen Akademie soll das Ende ihrer schweren Krise markieren, in welche sie die Skandale des letzten Jahres gestürzt hatten und als deren Konsequenz die Verleihung des Literaturnobelpreises im letzten Jahr abgesagt wurde.

Danach sieht es aus. Zum ersten Mal seit drei Jahrzehnten sind alle 18 „Stühle“ der Akademie wieder besetzt, sechs davon von Frauen. Das, nachdem es noch im letzten Jahr Zweifel gab, ob sich überhaupt Leute finden würden, die ins Skandalhaus einziehen möchten.

Zwei Nobelpreise 2019

Nach der ausgefallenen Preisverleihung im letzten Jahr werden 2019 zwei Nobelpreise für Literatur vergeben, teilte am 5. März die Nobelstiftung mit.

„Das halte ich für Quatsch“, kommentiert SWR2-Literaturredakteur Frank Hertweck im Interview.

Dauer

Neu sollen bei der Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten für den Preis neben den Mitgliedern der Akademie nun auch fünf externe Gutachter mitwirken. Unklar bleibt hingegen, wann das Recht auf lebenslange Mitgliedschaft in der Akademie geändert wird.

Mit dem Sinologen Göran Malmqvist (94) und dem Sprachwissenschaftler Sture Allén (90) sitzen weiterhin Mitglieder in der Akademie, die im Skandal um Frostenson und Arnault unrühmliche Rollen gespielt haben.

Sara Danius hat die Schwedische Akademie verlassen

Sara Danius, die zeitweise auch ständige Sekretärin der Akademie war, hatte als Folge auf die Skandale einen Wechsel aller Mitglieder der Akademie gefordert. Am 26. Februar hatte sie selbst ihr Amt nieder gelegt – offenbar auf Druck.

Dauer

Die Schwedische Akademie, genauer der oder die Vorsitzende des Gremiums, tritt einmal im Jahr ins Rampenlicht der Weltpresse: wenn der Preisträger des Literaturnobelpreises bekanntgegeben wird. Diesen bestimmen die 18 Mitglieder der Akademie in geheimer Wahl, getreu ihrem Wahlspruch nach "Talent und Geschmack". Beides haben in den letzten Wochen und Monaten einige Mitglieder der Akademie gründlich vermissen lassen.

Sexuelle Belästigung und Steuerhinterziehung

Ausgangspunkt des Skandals ist Jean Claude Arnault, der Ehemann von Katarina Frostensson, bis 2018 Mitglied der Akademie. Arnault soll 18 Frauen aus dem Umfeld der Akademie sexuell belästigt haben, sieben Mal soll er geheime Namen von künftigen Trägern des Literaturnobelpreises ausgeplaudert und für einen von ihm betriebenen Kulturklub Gelder der Akademie angenommen haben.

Der Versuch, Frostenson per Abstimmung aus der Akademie auszuschließen, scheiterte. Daraufhin hatten drei Mitglieder ihre Mitarbeit für beendet erklärt, zwei weitere hatten sich zuvor schon aus anderen Gründen zurückgezogen.

Zu viel leere Stühle

Als Folge waren lediglich 13 der 18 auf Lebenszeit gewählten Mitglieder entscheidungsfähig.

Nach einem vertraulichen Treffen der verbliebenen aktiven Mitglieder gab die bisherige – und erste weibliche – Vorsitzende des Gremiums, die Literaturwissenschaftlerin Sara Danius, am 12. April bekannt, sie verlasse den Posten der Ständigen Sekretärin und damit auch ihren Sitz in der Nobelpreis-Kommission. Katarina Frostenson wirft daraufhin ebenfalls das Handtuch.

Kommission ist jetzt weitgehend handlungsunfähig

Von den 18 Akademiemitgliedern sind darauffolgend nur noch elf aktiv: zu wenig, um neue zu wählen. Auch wenn das nicht für die Vergabe des Nobelpreises zu gelten scheint, ist die Institution dabei, sich selbst zu zerstören, der Ruf ist bereits weitgehend ruiniert.

Man befinde sich in einer Übergangszeit, hat Direktor Olsson erklärt, und suche nach Lösungen. Eine wäre, dass König Carl-Gustav von seinem Recht Gebrauch macht, die Statuten zu ändern, damit inaktive Mitglieder vor ihrem Tod ausscheiden können. Nur so wäre die Wahl neuer Mitglieder und damit der von vielen geforderte radikale Neubeginn der Schwedischen Akademie möglich.

Öffentliche Schlammschlacht

Die Ständige Sekretärin Sara Danius soll aus ihrem Amt gedrängt worden sein, von Ex-Akademiechef Horace Engdahl. Gunnar Bohlin, Kulturjournalist im schwedischen Radio, sagt, dass er so eine Schlammschlacht noch nicht erlebt habe: „Engdahl gewinnt damit vorläufig den ersten Preis im öffentlichen "Schmutzigewäschewaschen“.

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