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INTERVIEW

„Slowenien wollte raus aus Jugoslawien, raus aus dem balkanischen Schlamassel. Das haben sie geschafft und heute freuen sie sich drüber“, bilanziert Norbert Mappes-Niediek, Journalist und Osteuropa-Experte, 30 Jahre nach den Unabhängigkeitserklärungen der ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken Slowenien und Kroatien.

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„Kroatien ist kein glückliches Land geworden“

Beide Staaten hätten sich unterschiedlich entwickelt — was auch mit ihren unterschiedlichen Startvoraussetzungen zusammenhinge. Im Gegensatz zur vergleichsweise problemlosen Loslösung Sloweniens vom Vielvölkerstaat, habe die Unabhänigkeit für Kroatien zuerst vier Jahre Krieg bedeutet. Deshalb habe man im Land privat lange Zeit mit einer gewissen Trauer auf die Jugoslawien-Zeit zurückgeschaut, so Mappes-Niedeck: „Die Unabhängigkeit hat man sich anders vorgestellt.“

Kroatien sei nicht zu einem glücklichen Land geworden — was man heute noch an der massenhaften Emigration der Kroat*innen sehe, erklärt der Balkan-Experte. In Kroatien habe sich, im Gegensatz zu Slowenien, auch erst spät eine demokratische Bewegung aufgebaut. Im Gegensatz zur funktionierenden Einheit des slowenischen Staates, der mit der Unabhängigkeit nur einen letzten Schritt vollendete, habe sich Kroatien erst im Krieg zum Staat formiert — mit klarem ethnischem Feindbild.

Die Unabhängigkeitserklärung im SWR2 Archivradio:

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„Marschall Twito“ und die EU

Mit Blick auf die im Juli 2021 beginnende EU-Ratspräsidentschaft Sloweniens und den rechtspopulistischen Premierminister Janez Janša, der auf Twitter heftig gegen die Medien und Journalist*innen schießt, will Norbert Mappes-Niedeck keine Voraussage treffen.

Politiker wie Janša, dessen Spitzname in den Medien „Marschall Twito“ lautet, zögen ihren Erfolg vor allem aus der schwierigen Aufarbeitung der slowenischen Geschichte, vor allem während des Zweiten Weltkrieges. Die Polarisierung der Gesellschaft in dem Land sei sehr groß, es herrsche eine Art „Lagerstimmung“.

Taktisch sei es sicher klüger für Janša sich an der EU-Spitze staatsmännisch zu geben, ist Mappes-Niedeck überzeugt, denn die große Mehrheit der Slowen*innen sei pro-europäisch eingestellt und „blickt nach Westen“. Gleichzeitig sei der Premierminister nicht unbedingt für taktisches Verhalten bekannt.

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Gespräch Archipel Jugoslawien - von 1991 bis heute - Wie sich aktuelle Literatur aus Südosteuropa in Leipzig präsentiert

Vor dreißig Jahren zerfiel Jugoslawien. Trotzdem bilden die Einzelstaaten, die dabei entstanden, bis heute einen gemeinsamen Sprach- und Kulturraum. Selbst die Erfahrung von Krieg und Gewalt sowie der Alltag in einer Übergangsgesellschaft verbinden die einstigen Feinde miteinander.
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Guggolz Verlag, 598 Seiten, 28 Euro
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