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Die Zustände in der deutschen Fleischindustrie seien ein Skandal, kommentiert SWR2 Umweltredakteur Werner Eckert. In den Schlachthöfen und Fleischfabriken von Chicago bis Coesfeld arbeite eine Armee der Entrechteten. Es sei dringend nötig, international mit starkem politischem Willen für höhere Mindeststandards zu kämpfen, auf EU-Ebene eine Kennzeichnungspflicht zu erzwingen und national die bestehenden Regeln durchzusetzen.

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Unhaltbare Zustände in Schlachthöfen - ein strukturelles Problem

Bangladesch ist hier bei uns. Wer sich über die Zustände in der Textilindustrie in Südasien beklagt, der sollte mal in die Schlachthöfe und Zerlegebetriebe schauen und in ihr Umfeld. Das ist nicht nur traurig, sondern ein Skandal.

Das seien alles nur Schwarze Schafe, ist der Reflex der Branche und vieler Politikerinnen und Politiker. Aber das stimmt nicht. Es ist ein strukturelles Problem.

Und zwar nicht nur bei uns, damit da kein Missverständnis aufkommt. Das ist eine weltweite Misere und sie betrifft weitere Bereiche der Land- und Ernährungswirtschaft. Im Gemüsebau ist es so schlimm zwar nicht, aber auch dort herrschen weithin unhaltbare Zustände.

Was kommt da für eine Geringschätzung zum Ausdruck, ausgerechnet, wenn es um unsere wichtigsten Lebensgrundlagen geht. Auf Spaniens Plastikfeldern arbeiten illegale Nordafrikaner, bei uns schlecht bezahlte Rumänen.

Armee der Rechtlosen von Chicago bis Coesfeld

In den Schlachthöfen und Fleischfabriken von Chicago bis Coesfeld werden eine unbekannte Zahl von Menschen über Subunternehmen beschäftigt, eine Armee der weitgehend Rechtlosen, die keine staatliche Stelle vollständig überblickt. Wieso sind Arbeitszeit, Arbeitspausen und Sicherheitsvorschriften „normal“, wenn Autos gebaut werden, nicht aber, wenn es um Bratwurst und Broccoli geht?

Das hat viel mit Vollzugsdefiziten zu tun. Die Unternehmen sind noch landwirtschaftsnah, sie sind in der Regel in der Region verwurzelt, groß genug, um wichtig für die lokale und regionale Wirtschaft zu sein.

Aber sie sind zu klein, als dass es Mitbestimmung gäbe, organisierte Arbeiter*innen oder einen anhaltenden Druck der Öffentlichkeit. Ein Skandal hier oder da, doch dann sind billige Lebensmittel auch den Verbraucherinnen und Verbrauchern wieder wichtiger als kranke Arbeiter, Umweltzerstörung und Tierleid.

Konkurrenzdruck ist ein schlechtes Argument

Das wichtigste wirtschaftliche Argument der betroffenen Branchen ist immer der Wettbewerb. „Wenn wir keine Saisonarbeiter bekommen, keine Werkvertragsarbeiter, 'unsere bewährten osteuropäischen Fachkräfte', dann können wir nicht überleben“, so heißt es. Welche Logik hat das, wenn auch die Konkurrenz mit den gleichen Argumenten die gleichen Missstände rechtfertigt?

Es ist nicht mal wahr, jedenfalls beim Fleisch nicht. Denn Deutschland hat mit seiner Tier- und Fleischproduktion andere in der EU und darüber hinaus platt gemacht. Da sind wir diejenigen, die die anderen in Zugzwang bringen.

Bangladesch in Deutschland ist keine Alternative zu Bangladesch

Was tun? International mit starkem politischen Willen für höhere Mindeststandards kämpfen, auf EU-Ebene eine Kennzeichnung erzwingen, die deutlich macht, welche Standards das Herkunftsland hat und national die bestehenden Regeln durchsetzen – das reicht schon weit hin. Bangladesch in Deutschland ist keine Alternative zu Bangladesch.

Coronavirus Lebensmittelindustrie: Kann Fleisch das Virus übertragen?

Wegen der Skandale in einigen Schlachthöfen, in denen Schlachter mit Covid-19 infiziert sind, stellt sich die Frage, ob man sich durch Fleisch aus diesen Unternehmen infizieren kann.  mehr...

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