Kulturmedienschau

Zum Tod von Michael Degen: Die deutsche Kulturwelt verabschiedet sich von einem Großen | 13.4.2022

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AUTOR/IN
Christian Batzlen

Am 9. April ist der Schauspieler im Alter von 90 Jahren in Hamburg gestorben, wie der Rowohlt-Verlag bekannt gab. Heute sind in vielen Spalten der Feuilletons bewundernde und verneigende Wort über ihn und sein Wirken zu lesen: Die FAZ nennt ihn einen Schauspieler von melancholischer Eleganz und der Spiegel einen Versöhner und Gentleman im Land der Täter.

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Das Theater habe Degen gerettet

Michael Degen ist dem Terror der Nationalsozialisten in Berlin damals nur knapp entkommen. Noch als junger Mann konnte er daher keinem Älteren die Hand geben. Zu groß war die Angst, einem Mitläufer oder Täter gegenüberzustehen. Das Theater habe ihn daher in gewisser Weise gerettet, schreibt die FAZ in ihrem Nachruf, denn auf der Bühne konnte er ein anderer als er selbst sein.

Brecht holte Degen 1954 ans Berliner Ensemble

Es war Bertolt Brecht, der ihn 1954 ans Berliner Ensemble holte. Es folgten Engagements in Köln, Frankfurt, München und Wien. Vieldeutig habe er seine Figuren stets angelegt. Ein Schauspieler von melancholischer Eleganz, wie ihn FAZ nennt. Und ein Mensch mit Haltung. Sensibel, präzise und geschmeidig habe sich Michael Degen seine Figuren zu eigen gemacht, denen er stets auch eine beklemmende Unruhe verlieh, sodass uns sein Spiel den Kippmoment ins Finstere nie ganz vergessen ließ.

Riesiges Repertoire

Zwischen schmierig und schwierig, Mackie Messer und Don Juan, war sein Spektrum riesengroß, findet die WELT. Und meist hatten seinen plastischen Figuren, selbst die positiven, einen leisen melancholischen Zug um die leicht mokant gekräuselte Lippe. Daher wusste einer mehr über die Menschen, als er es einzig auf der Bühne preisgeben wollte, ist sich hier die Zeitung sicher.

Schwerste Rolle in „Ghetto“ in der Regie von Peter Zadek

Seine schwerste Rolle spielte er 1984 an der Freien Volksbühne Berlin in dem Stück „Ghetto“ erinnert der Tagesspiegel aus Berlin. Michael Degen war in Peter Zadeks Inszenierung der jüdische Verbindungsmann, der mit den Nazi-Aufsehern im Lager verhandelte. Daraufhin erhielt er Morddrohungen und Unbekannte verwüsteten sein Heim. Die braune Barbarei, weiß der Tagesspiegel, habe Michael Degen nie losgelassen.

Auch „Derrick“, „Klinik unter Palmen“ und „Rosamunde Pilcher“ nicht gescheut

Anders als viele Theaterschauspieler seines Formats habe er die Seichtgebiete der TV-Unterhaltung nie gescheut, erinnert die Süddeutsche Zeitung: Ob „Derrick“, „Klinik unter Palmen“ oder „Rosamunde Pilcher“ – Degen habe diese Formate geadelt wie ein edler Tropfen ein Fast-Food-Menü, und es habe seinem Ruf auch nicht geschadet. Er hat selber vieles davon als „Schrott“ bezeichnet und auf seine Rolle als Ernährer von vier Kindern aus zwei Ehen verwiesen. Irgendwo müsse das Geld ja herkommen, sagte er.

Erst mit Mitte 60 sprach Degen über seine Kindheit in Nazi-Deutschland

Erst mit Mitte 60, weiß der SPIEGEL in seinem Nachrufe, begann Michael Degen öffentlich über sein Leben zu reden und zu schreiben. Das tat er auf nüchterne, berührende Weise. „Nicht alle waren Mörder“ nannte Degen sein 1999 erschienenes und später verfilmtes Buch über eine Kindheit in Nazi-Deutschland, die er, der jüdische Junge, gemeinsam mit seiner Mutter in diversen Berliner Verstecken überlebt hatte.

Er war jahrelang der »Vice-Questore Patta«: Der Schauspieler Michael Degen ist im Alter von 90 Jahren gestorben. https://t.co/kd8YVNbg2o

Das Magazin nennt ihn einen Versöhner und Gentleman im Land der Täter. Die Zuneigung, die dem Autor und Schauspielkünstler von einem großen deutschen Publikum entgegenschlug, war erheblich und erfreulich. Der Spiegel zitiert eine Stern-Reporterin mit den Worten: “Michael Degen ist einer, der in Frauen das Bedürfnis weckt, ihm Hühnersuppe zu kochen und Pulswärmer zu stricken”

Mit Michael Degen, ist sich die Neue Zürcher Zeitung sicher, ist nun nicht nur ein Zeitzeuge, sondern auch ein großer Künstler gestorben.

Leben | Zum Tod von Michael Degen Nicht alle waren Mörder – Was Michael Degen einem jüdischen Jungen über seine Kindheit erzählte

Am 9. April starb der Schauspieler und Autor Michael Degen. In seinem Buch "Nicht alle waren Mörder" erzählte er, wie er als jüdischer Junge die Nazizeit in Berlin überlebte. 2006 traf er Aaron Altaras, der in der Verfilmung des Buchs die Hauptrolle spielte.  mehr...

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