Netzkultur

Zu viel Hass - Die Rolle von Facebook im Äthiopien-Konflikt

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Antje Diekhans

Die Whistleblowerin Frances Haugen hatte Facebook zuletzt vorgeworfen, in Ländern wie Äthiopien den eigenen Profit über Sicherheit zu stellen und damit mitverantwortlich für den Tod von Menschen zu sein. Der Konzern gelobte Besserung.

Doch noch immer rufen Aktivisten mit tausenden von Followern in dem sozialen Netzwerk dazu auf, Menschen aus Tigray zu töten. Facebook braucht Tage, um entsprechende Posts zu löschen. Eine mediale Hetzjagd – ähnlich wie vor dem Völkermord in Ruanda.

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Regierungsnahe Aktivisten posten hasserfüllte Botschaften auf Facebook

„In der Grube, die wir gegraben haben, wird der Feind beerdigt werden – nicht Äthiopien. Wir werden ihn mit all unserer Kraft und unserem Blut schlagen, damit Äthiopien wieder ruhmreich aufsteigen kann.“

So ähnlich war auch ein Eintrag auf der Facebook-Seite des Regierungschefs Abiy Ahmed formuliert. Der Konzern löschte den Post, weil er als Aufruf zur Gewalt gewertet wurde und ging damit zum ersten Mal gegen einen Eintrag des Ministerpräsidenten vor. Abiy Ahmed nutzt das soziale Netzwerk ganz massiv für seine Verlautbarungen, sagt der äthiopische Journalist Zecharias Zelalem.

Seit einem Jahr tobt ein blutiger Bürgerkrieg in Äthiopien, der als Konflikt zwischen der Regierung und der so genannten Volksbefreiungsfront von Tigray begonnen hatte. Die Auseinandersetzungen werden in den sozialen Medien angefacht. Facebook wird von etwa sechs Millionen Menschen in dem ostafrikanischen Land genutzt. Vor allem in den vergangenen Wochen posten Aktivisten, die der Regierung nahe stehen, hasserfüllte Botschaften auf ihren Seiten.

Facebook hat für Länder wie Äthiopien zu wenig geeignetes Personal

Der Reporter vergleicht die Hetze mit den Botschaften, die vor dem Völkermord in Ruanda über einen Radiosender ausgestrahlt wurden. Nur das Medium habe sich geändert.

Facebook ist die eigene Rolle in dem Konflikt durchaus bewusst. Die Whistleblowerin Frances Haugen hatte öffentlich gemacht, dass es für Länder wie Äthiopien zu wenig geeignetes Personal gibt, um Posts auf Amharisch oder anderen Landessprachen zu überprüfen. In einer Anhörung vor dem US-Senat sagte sie, der Konzern stehe in dem Konflikt, die Plattform sicherer zu machen oder die Einnahmen zu optimieren.

Für Facebook ist der eigene Profit immer wichtiger. In manchen Fällen haben gefährliche Online-Auseinandersetzungen zu tatsächlicher Gewalt geführt, die Menschen verletzt und sogar tötet.

Kurz nach Löschung waren die Inhalte schon wieder im Netz

Speziell bezog sie sich dabei auf die Situation in Myanmar und Äthiopien. Schon vor mehr als einem Jahr hatte Facebook Besserung gelobt. Doch das Prüfen von Seiten aus Äthiopien überfordert den Konzern weiter. Mit der Löschung von Abiys Post habe ein Zeichen gesetzt werden sollen, meint Zecharias Zelalem. Doch kurz danach seien die Inhalte schon wieder im Netz gewesen.

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