Kurz-Essay | ARD Themenwoche „Wir gesucht. Was hält uns zusammen?“

Kathrin Röggla: Die Zielgruppe im Visier - Das errechnete Wir im Radio

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AUTOR/IN
Kathrin Röggla

Zu wem sprechen wir im Radio, wenn wir „wir“ sagen? Welche akustische Gemeinschaft wurde früher und wird heute hier imaginiert? Von wem und für wen überhaupt? Die Autorin und Essayistin Kathrin Röggla befragt ironisch und voller Provokationslust das momentan allzu gern errechnete „Wir“ im Radio.

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Das Radiopublikum - eine Landschaft aus Zielgruppen?

Hallo? Ist hier jemand? Ja zu wem spreche ich hier eigentlich? Befinden wir uns in einem gemeinsamen Raum? Das ist doch gemeinhin die Vorstellung bei so einem Radiobeitrag. Ich spreche, und Sie sind hier mit mir – zusammen. Der akustische, der radiofone Raum ist ein stets gemeinsamer. Er hat nicht wie der visuell konstruierte Raum sofort wahrnehmbare Schranken, Abtrennungen und Segmentierungen.

Nein, gemeinsam hören wir. Denn ich höre mich ja auch, wenn ich spreche. Oder ist das hier schon wieder die Anrufung eines imaginären Wir, welches es nicht mehr gibt? Das Radiopublikum, eine errechnete Fiktion! Eine Landschaft aus Zielgruppen, erstellt in Sinusgruppenanalysen.

Sind Sie also die Engagierten, Hochkultivierten oder moderne Höchstetablierten – oder die von uns Anzuwerbenden, uns Verjüngenden? Die, die man abholt? Lassen Sie sich gerne abholen? Und wenn ja, kann ich Sie überhaupt finden auf den Kartografien, die unsere gezeichneten HörerInnenlandschaften darstellen? Diese beruhen mehr und mehr auf Algorithmen, die wiederum auf unserer Wahl beruhen. Also das, was auch immer Sie interessieren könnte. Oder Dich?

Soziale Blasenbildung auch im Radio

Denn das Duzen oder Siezen macht ja ganz andere Wir-Räume auf. Klar ist, Sie werden heute eingeteilt. Aber warum eigentlich nicht in das, was Sie gerade nebenbei machen: Nachtschicht, Kranksein, Autofahren? Gemüseschnippeln, Lernen, Pflegen? Das wäre noch schlimmer als eine identitäre Bestimmung?

Das Radio lässt sich jedenfalls von der allgemeinen sozialen Blasenbildung erfassen. Eine Blasenbildung, die immer auch Lücken und Leerstellen abwirft. Denn es steht fest, es sind immer zu wenig. Zu wenig Junge. Und immer die Falschen. Wir sind zu alt, zu krank, zu irrelevant. Andere sind gewollt, die man endlich erreichen muss.

Immer muss man andere erreichen. Immer steht die angstbesetzte Frage im Raum: Wie kommt man an die Leute ran? Das heißt, es steht eine Vorstellung von einem stets erst zu erreichenden Wir im Raum, nie das, wo wir gerade stehen. Aber wo stehen wir? Schon wieder „wir“!

„Mach doch mal was, was alle interessiert!“

Wie sieht also dieses zu Erreichende aus: Kompetent und jung, demokratisch und divers? Welche Sprache spricht es? Ist es eines, das dem Redaktionsberatervorschlag: „Macht doch etwas über die zehn ersten Suchanfragen bei Google“ – entspricht?

Dieser Vorschlag gespenstert seit einigen Jahren durch die Radiolandschaft. Eine Ohrfeige in die Gesichter der Redakteur*innen: „Macht doch endlich mal etwas, was alle brennend interessiert!“ Im Radio gilt es möglichst alle zu erreichen, oder etwa nicht? Wer weiß besser, was das ist, als unsere Rechenmaschinen.

Aber was machen wir dann mit dem Auftrag, den der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat? Braucht es dafür nicht unängstliche Menschen und unängstliche Rechenmaschinen? Also nicht jemanden, der gejagt wird von einer Wir-Fiktion, die es vorwegzunehmen gilt in der Auswahl meiner Themen. Ja, in der Frage nach dem Wir und seiner demokratischen Funktion steht der öffentliche Rundfunk im Zentrum.

Kultur der Überraschung und die Lust am Nicht-Gewussten

Schalten Sie schon ab? Langweilt Sie die Rede vom Wir und dem Kollektiven, weil es in jeder Sonntagsrede gebraucht wird, abgenutzt ist? Die vom Erinnern an das Hörer-Wir und seine demokratische Funktion.

Sie haben recht. Vielleicht sollte man mehr über die Kultur der Überraschung sprechen: Wie komme ich dazu, etwas zu hören, was ich nicht erwartet hätte, wenn Radio zu dem wird, was ich erwarte. Was ich suche. Nein.

Es gibt dieses merkwürdige Buch der französischen Schriftstellerin Marguerite Duras, „Sommerregen“, das einen Protagonisten hat, einen Jungen namens Ernesto, „zwischen 12 und 20 Jahren“, der nicht mehr zur Schule geht, weil man dort Dinge lernt, die man noch nicht weiß.

Was dort zu einem großen Erstaunen, ja einer Verstörung führt, beinahe unlösbar, ist heute Alltag. Wer soll sich in dieser verrückten Welt noch etwas anhören, was er oder sie noch nicht weiß – oder?

ARD Themenwoche „Wir gesucht. Was hält uns zusammen?“ Ich, Du, Wir - eine Grammatik der Gemeinschaft

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