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INTERVIEW

„Wir haben alle die Distanz als Reporter aufgegeben“, sagt der ehemalige ARD-Korrespondent Jörg Armbruster rückblickend über den Aufstand gegen das Mubarak-Regime vor 10 Jahren. Der Jubel über die Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo sei zu ansteckend gewesen, um die Probleme und Fehler der Demonstrant*innen sehen zu können.

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Revolutionsbewegung zwischen säkular und islamistisch

In seinem neuen Buch „Die Erben der Revolution“ analysiert Armbruster, der bis 2012 Nahost-Korrespondent in Kairo war, die Defizite und erklärt im Gespräch mit SWR2: „Es gab einen kleineren säkularen Teil der Protestbewegung, der sich aufgesplittert hat – das hat den Islamisten in die Hände gespielt.“ Deren Anführer, Mursi, wiederum habe nach seiner Wahl zum Präsidenten gegen die Bürokratie, die Eliten und die Armee des Landes keine Chance gehabt.

Der gebürtige Tübinger berichtet, dass er für sein Buch viele der ehemaligen Anführer*innen der Proteste interviewt hat und erstaunt gewesen sei über deren Offenheit: „Ich hatte mit vielen Absagen gerechnet.“ Auch sein Angebot, seine Gesprächspartner*innen zu anonymisieren, habe man ausgeschlagen und geantwortet: „Man kann dem Regime (von General Al-Sisi) nur mit offenem Visier begegnen.“

Aufstehen für einen demokratischen Wandel

Seine Gesprächspartner*innen hätten bekundet, meint Armbruster, aus ihren Fehlern vor zehn Jahren gelernt zu haben und hofften weiterhin, dass sich das Land demokratisch öffne. „Ohne Hoffnung könnten wir einpacken“, sei die übereinstimmende Meinung der Oppositionellen. Viele hätten jedoch vor den Gefängnissen Angst, weil dort gefoltert werde.

Politisches Engagement als „Befreiungsschlag“ für Frauen

Bewunderung empfindet Armbruster für die Frauen, die sich am Sturz Mubaraks und den Veränderungen in Tunesien und im Sudan beteiligt haben. Eine Begründung, so berichtet Armbruster von seinen Recherche-Reisen: In islamistischen Gesellschaften sei das Leben für Frauen besonders schwer – seine Gesprächspartnerinnen hätten ihr Engagement daher als „Befreiungsschlag“ bezeichnet.

Feature Life or Daesh – Die versteinerten Wurzeln des Arabischen Frühlings in Tunesien

Tunesien gilt als Vorzeigebeispiel und Ursprung des Arabischen Frühlings, auf dem alle Hoffnung ruhte für einen friedlichen Übergang der Regimes der arabischen Welt in moderne, freiheitliche Demokratien. Gleichzeitig ist Tunesien das Land, aus dem die meisten ausländischen Dschihadist*innen in Syrien stammen. Von dort – und aus dem benachbarten Libyen – kehren immer mehr Gotteskrieger*innen in ihre Heimat am Mittelmeer zurück.  mehr...

SWR2 Feature SWR2

Politik Ägypten unter al-Sisi – Herrscher mit eiserner Faust

Al-Sisis diktatorischer Führungsstil hat viele Menschen ins Gefängnis gebracht. Doch weil er Stabilität im Land verspricht, kommt er in der westlichen Welt gut an.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Netzkultur Wegen TikTok-Videos ins Gefängnis: Ägypten verhaftet Influencerinnen

Mehrere junge Ägypterinnen wurden in den vergangenen Wochen zu Opfern einer Verhaftungswelle, weil ihre TikTok-Videos angeblich zu anzüglich waren und gegen soziale Normen verstießen. Hintergrund ist die komplizierte Mischung von gesellschaftlichen und religiösen Zwängen. Auch in der Bevölkerung regt sich Kritik gegenüber den jungen Frauen, berichtet Jürgen Stryjak aus Kairo.  mehr...

SWR2 am Samstagnachmittag SWR2

Gespräch Arabischer Frühling: Nach 10 Jahren „noch nicht vorbei“

Zehn Jahre nach Beginn des arabischen Frühlings ist die politische Großwetterlage im gesamten Nahen Osten eher düster. Aber „der arabische Frühling ist noch nicht vorbei“, sagt Daniel Gerlach, Chefredakteur der Zeitschrift Zenith, im Gespräch mit SWR2. „Wir sind jetzt noch nicht befähigt, die historische Wirkung zu beurteilen“, erklärt der Orientalist. Immerhin habe der Arabische Frühling trotz aller Rückschläge gezeigt, dass die Macht und die Herrschaft repressiver Systeme endlich seien.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Archrivradio

25.1 bis 4.2.2011 Revolution in Ägypten – Die ersten zwei Wochen

25.1. bis 4.2.2011 | Was Anfang Januar 2011 in Tunesien begonnen hat, schwappt nun auch auf Ägypten über, wo Präsident Husni Mubarak seit 30 Jahren das Land regiert. In Kairo kommt es zunächst zu vereinzelten Demonstrationszügen, die aber ab dem 25. Januar eine Dimension annehmen, die ARD-Korrespondentin Esther Saoub bis dahin noch nicht gekannt hat. Drei Tage lang sehen die Sicherheitskräfte den Demonstrationen zu, dann, am 28. Januar hält dann die Armee dagegen.  mehr...

10. bis 12.2.2011 Ägyptens Diktator Husni Mubarak tritt zurück

10. bis 12.2.2011 | In den 18 Tagen des Protests in Kairo und anderswo im Land sterben mehr als 300 Menchen. Gleichzeichtig hat Präsident Mubarak jegliche Unterstützung verloren. Am Nachmittag des 11. Februar dann die Gewissheit. Mubarak ist offiziell zurückgetreten. Das Ende der Herrschaft Mubarak brachte den Ägyptern am Ende aber doch nicht die ersehnte Freiheit. Bei den Wahlen ging zunächst die islamistische Muslim-Bruderschaft als Sieger hervor. Präsident wurde Mohammed Mursi. Nach erneuten Massenprotesten 2013 wurde er von der Armee abgesetzt. Militärratschef Al-Sisi übernahm die Macht und ließ sich 2014 offiziell zum Präsidenten ernennen. Sein Regierungsstil gilt als mindestens ebenso diktatorisch und autokratisch wie der des gestürzten Präsidenten Mubarak.  mehr...

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