Gespräch

Yassin Musharbash: „Es gibt eine Tendenz, Palästinenser mit der Hamas gleichzusetzen“

Stand
INTERVIEW
Wilm Hüffer

Aus Unwissen werde der Nahost-Konflikt oft vereinfacht dargestellt, sagt der Journalist Yassin Musharbash von der Wochenzeitung „Die Zeit“ im Gespräch mit SWR2. Dabei werde ausgeblendet, dass auch viele Palästinenser Opfer der Hamas seien.

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Unsere öffentliche Debatte über den Nahost-Konflikt – „oft nicht besonders informiert“

Das Existenzrecht Israels sei nicht diskutabel, aber genauso wenig das Recht der Palästinenser auf ein Leben in Sicherheit und Freiheit, betont Musharbash. Unsere öffentliche Debatte sei da oft nicht besonders informiert, findet er.

Da hieße es dann zum Beispiel, das sei ein religiöser Konflikt zwischen Juden und Muslimen. Dabei gehe es im Kern um die territorialen Interessen. Außerdem gäbe es auch palästinensische Christen. „Es wäre schön, wenn da genauer hingeschaut würde“, sagt Musharbash.

„Da wird halbverdautes Wissen über Postkolonialismus wiedergegeben“

Umgekehrt finde er es skandalös, was beispielsweise an der Universität der Künste in Berlin passiert sei. Dort hatte eine Gruppe Studierender Mitte November bei einer Kundgebung den Rektor niedergebrüllt und ihn aufgefordert, Israel als Kolonialstaat zu verurteilen.

Jüdische Studierende betreten Berichten zufolge aus Angst seitdem nicht mehr die Universität. „Da wird halbverdautes Wissen über Postkolonialismus wiedergegeben. Das sind keine Nahost-Experten“, sagt Musharbash.

Die Entwicklungen in Nahost heute – das Ergebnis eines Rückschritts

„Wir müssen zurück in die 90er“, findet Yassin Musharbash. Damals, mit dem Oslo- Friedensprozess, hätten die Palästinenser eine Perspektive gehabt und die PLO habe das Existenzrecht Israels anerkannt. „Was wir heute sehen, ist das Ergebnis eines Rückschritts“, so Musharbash.

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