Forum

Wut unter dem Schleier – Was bewirkt der Protest im Iran?

STAND
MODERATOR/IN
Matthias Heger

Matthias Heger diskutiert mit
Dastan Jasim, Giga-Institut Hamburg
Nikta Vahid-Moghtada, Freie Journalistin
Prof. Dr. Susanne Schröter, Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam

Audio herunterladen (42,1 MB | MP3)

Es war nur ein angeblich schlampig getragenes Kopftuch.

Warum wurde die tödliche Begegnung einer jungen Frau mit der Sittenpolizei zum Auslöser der blutigsten Proteste im Iran seit Jahren? Wie stark ist der Widerstand in der Bevölkerung?

Was kann der Protest gegen die bewaffneten Wächter der islamischen Republik ausrichten? Führt die weit verbreitete Wut gegen das repressive Regime diesmal zu Reformen oder womöglich sogar zum Umsturz?

Iran

Was geht - was bleibt? Zeitgeist. Debatten. Kultur. "Frauen, Leben, Freiheit": Schreibt der Iran gerade feministische Weltgeschichte?

Eine junge Frau ohne Kopftuch, die auf dem Dach eines Autos steht und „Tod dem Diktator“ ruft. Zwei Frauen, die ohne Kopftuch frühstücken gehen. Frauen, die gegen die allgegenwärtige Sittenpolizei protestieren. Noch vor kurzer Zeit wäre all das im Iran undenkbar gewesen.

Seit etwa zwei Wochen ereignen sich derartige Szenen in der Islamischen Republik immer wieder. Auslöser der Proteste war der Tod der 22-jährigen Mahsa Amini, die von der Sittenpolizei festgenommen wurde und später im Krankhaus starb. Die daraus entstandenen Proteste berühren einen Kernbestandteil der Islamischen Republik: die Pflicht für Frauen, ein Kopftuch zu tragen.

Schreiben die Frauen im Iran gerade feministische Weltgeschichte? „Ja“, sagt die Journalistin Natalie Amiri im SWR2 Podcast „Was geht - was bleibt“. „Denn auf den Straßen stehen Frauen, sie reißen sich das Kopftuch vom Leib, unter dem Beitrag von Männern und Frauen, sie verbrennen ihre Kopftücher, sie widersetzen sich der Sittenpolizei, die sie mehr als 40 Jahre lang diskriminiert hat, beleidigt, beschimpft, verhaftet und in Mini-Busse gezerrt und sie fertig gemacht hat. Die Frauen, die jetzt sagen: Wir machen nicht mehr mit.

Aber – so Amiri – das Regime schlage hart zurück. Die Frauen im Iran litten seit mehr als 43 Jahren, „ich habe nie so willensstarke Frauen wie die im Iran gesehen“, sagt Natalie Amiri. Feminist*innen auf der ganzen Welt sollten sich noch weitaus mehr mit den Frauen im Iran solidarisieren, ein Kopftuchverbot zum Beispiel in Deutschland lehnt Amiri jedoch ab: „Wenn wir hier in der Demokratie, in Freiheit Frauen verbieten Kopftücher zu tragen, wären wir nicht viel besser als die Islamische Republik.“

Die Politologin und Aktivistin Emilia Roig sieht die iranischen Proteste im Kontext eines weltweiten Feminismus: „Der Protest zeigt, wie tödlich das Patriarchat im Iran ist. “Auch in Deutschland gebe es Gewalt gegen Frauen, so Roig: „Alle drei Tage wird hier eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet.“ Man müsse das Patriarchat „jeden Tag verlernen“, „wir müssen die unterlegene Position der Frauen verlernen und auch die binäre Geschlechtsordnung.“

Habt Ihr noch mehr Themen, die wir uns dringend anschauen sollten? Schreibt uns an kulturpodcast@swr.de

Host: Philine Sauvageot
Redaktion: Philine Sauvageot und Daniel Stender

Gespräch Iran-Expertin zu Kopftuch-Protesten: Alle solidarisieren sich gegen die Mullahs

„Das hat nochmal eine andere Qualität als frühere Proteste, weil sich hier alle Menschen solidarisieren können“, sagt die Kölner Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur in SWR2 zu den Protesten im Iran.

SWR2 am Morgen SWR2

STAND
MODERATOR/IN
Matthias Heger