STAND
INTERVIEW

„Es wird eine Atmosphäre geschaffen, die Gewalt rechtfertigt und glorifiziert und in der die Menschen weniger Hemmungen haben, Gewalttaten zu begehen“, berichtet die Mainzer Soziologin Veronika Kracher über ihre verdeckte Recherche in Online-Foren sogenannter Incels. Der Begriff Incel kommt vom Englischen „involuntary celibate“ – ungewollt enthaltsam, per Eigendefinition sind Incels also Männer, die ungewollt keine sexuellen oder Liebesbeziehungen haben.

Audio herunterladen (8,6 MB | MP3)

Klima der Gewaltbereitschaft

Beim Attentäter von Halle etwa seien Anknüpfungspunkte zur Incel-Szene vorgelegen, in seinem Manifest hätten sich sprachliche Parallelen gezeigt, außerdem sind auch in Incel-Foren rassistische und antisemitische Verschwörungsmythen weit verbreitet. Zudem habe es etwa in Santa Barbara in Kalifornien und im kanadischen Toronto bereits von Incels aus Frauenhass verübte Attentate gegeben.

Nur ein geringer Anteil der Incels sei aber tatsächlich bereit, Terrorakte zu begehen, man solle, so Kracher, eher von stochastischem Terrorismus sprechen. In den Foren und Imageboards würden sich die Incels gegenseitig in ihrem Weltbild bestärken und in ihrem Hass auf Frauen und die Welt.

Eine toxische Mischung aus Selbsthass und Frauenhass

Junge Männer in der Szene seien der Ansicht, dass sie ein Recht auf eine Partnerin und auf Sex hätten, sie seien oftmals gequält von Selbsthass und virulentem Opferdenken, das narzisstische Züge annehme, erklärt Kracher.

Incels litten unter der Vorstellung, nicht zu bekommen, was ihnen ihrer Meinung nach aufgrund ihrer Herkunft und ihres Geschlechts eigentlich zustünde. Ihr Leben würde für sie zur permanenten Kränkung: „Die Welt verkennt meine Größe und muss dafür bestraft werden“ – fasst die Soziologin diese Haltung zusammen.

„Incels sehen sich als Krieger und Propheten einer größeren Sache, deshalb verfassen sie Manifeste und machen Livestreams ihrer Taten“, so Veronika Kracher. Damit solle ihre Überzeugung für die Nachwelt festgehalten werden und weitere Täter sollten inspiriert werden.

Popkultur feiert den „männlichen Eroberer“

Problematische Tendenzen, die gewisse Ähnlichkeiten zu Incel-Gedankengut haben, sieht Soziologin Veronika Kracher zum Beispiel in den Fernsehserien „Friends“ und „Big Bang Theory“: Dort werde der Eindruck vermittelt, dass „ein erstes Nein einer Frau nicht akzeptiert werden müsse“, durch Erobern könne diese vom Mann für sich gewonnen werden.

In diesen patriarchalen Denkstrukturen träten Frauen nicht als eigenständige Akteur*innen auf, es zähle lediglich, dass der Mann wisse, dass er „der Richtige“ für die Frau sei.

Wege aus der Incel-Spirale

Die weite Verbreitung dieser männlichen Denkweise mache es so schwierig gegen Incel-Gedankengut vorzugehen. Ein wichtiger Schritt sei die Schließung besonders betroffener Foren und Imageboards. Auf Reddit, einem beliebten anonymen Online-Forum, gebe es inzwischen auch Aussteiger-Diskussionen, die den Betroffenen helfen sollen.

In der Gesellschaft wiederum sei es wichtig, zwei Punkte anzugehen, so Kracher: „Man muss Jungs und Männern beibringen, dass es kein Anrecht auf Sex gibt. Außerdem ist Selbstliebe extrem wichtig – auch wenn das in einer neoliberalen Gesellschaft, die auf permanente Selbstoptimierung getrimmt ist, schwierig ist.“

Buch der Woche | Corona-Bibliothek Soraya Chemaly - Speak out! Die Kraft weiblicher Wut

Wut gilt als unweibliches Gefühl. Mädchen sollen vor allem „lieb“ sein. Ein falscher Weg. Die US-amerikanische Journalistin und Aktivistin Soraya Chemaly will die Wut nun für Frauen produktiv machen.  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Buchkritik | Corona-Bibliothek Mund halten und zuhören! Pauline Harmange „Ich hasse Männer“

Den Vorwurf, Feministinnen seien männerhassende, sexuell frustrierte und unrasierte Frauen, treibt die französische Autorin Pauline Harmange auf die Spitze. Die 25-jährige Feministin hasst Männer und erklärt in ihrem Essay, warum sie das tut. Doch ihr Männerhass fordert keine Opfer, ruft nicht zur Gewalt gegen Männer auf. Ihr Ziel lautet: Frauen verbündet euch, gründet Schwesternschaften und legt euch das Selbstvertrauen eines mittelmäßigen Mannes zu.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

STAND
INTERVIEW