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„Wir sind das Volk – wir sind ein Volk“: Wandel eines schwierigen Begriffs

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Philine Sauvegeot

„Mit der Wiedervereinigung bekommt der Begriff auf einmal eine starke nationale Konnotation“, sagt Historikerin Claudia Gatzka von der Universität Freiburg bei SWR2.

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Wandel eines Begriffs

Zunächst stand auf den Plakaten bei dem Demos in der DDR „Wir sind das Volk“, dann wurde daraus „Wir sind ein Volk“ – „ein vollkommen anderer Diskurs“, wie Claudia Gatzka sagt. Ging es den Demonstrantinnen und Demonstranten zu Beginn um Freiheit, stand nun die Wiedervereinigung im Zentrum, erläutert die Historikerin von der Universität Freiburg.

Der Volksbegriff habe sich im Zuge der Wiedervereinigung somit nationalisiert, sowohl im Osten als auch im Westen, wo man mit dem Begriff „Volk“ früher ganz republikanisch einfach die Wählerinnen und Wähler gemeint habe. Seit 1990 seien die Deutschen zwar staatsrechtlich ein Staatsvolk, aber mit durchaus unterschiedlichen historischen Erfahrungen, so Claudia Gatzka.

Ein schweres Erbe

Dass der Begriff „Volk“ in Deutschland immer noch belastet sei, habe natürlich mit der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ der Nazi-Zeit zu tun. Aber bereits im 19. Jahrhundert sei der Begriff „Volk“ völkisch-nationalistisch besetzt gewesen. Dennoch solle man den Begriff heute nicht den Rechtspopulisten überlassen. Wichtig sei dabei aber, vom republikanischen „Volk“ oder vom „Wahlvolk“ zu sprechen.

Claudia Gatzka hat einen Beitrag zum Wandel des Begriffs „Volk“ nach 1989/90 im „Jahrbuch Deutsche Einheit 2022“ veröffentlicht.

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