Gespräch

Wie sich die Diplomatie auf die Taliban einstellt

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Die chinesische Führung hat schon vor Wochen Gespräche geführt und auch Europa hat die Fühler in Richtung Taliban ausgestreckt. Denn diese werden künftig Afghanistan regieren, ein Land in dem „eigentlich alle Anrainerstaaten große Interessen haben“, erklärt Arvid Bell, früherer Mitarbeiter der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung.

Zwar haben sich die Taliban verhandlungstechnisch sehr professionalisiert, inwieweit sie ein verlässlicher Partner sind, ist derzeit unklar meint Bell: „Es ist sehr schwer einzuschätzen, ob diese Taliban jetzt anders sind als früher oder ob es genau die gleichen Leute sind.“

Gespräch Taliban werben um Anerkennung: Die Scharia als Gretchen-Frage

Nach der Einnahme der Hauptstadt Kabul bemühen sich die Taliban-Krieger um Vertrauen. Im Gespräch mit SWR2 sagt der Konfliktforscher und Afghanistan-Experte Conrad Schetter: "Sie versuchen, Anerkennung zu gewinnen - in der Gesellschaft und in der internationalen Gemeinschaft." Der Forschungsdirektor am Bonn International Center for Conversion (BICC) verweist dabei auf wiederholte Beteuerungen der Taliban, sie hätten seit den 1990er Jahren dazu gelernt. So sei bei Vereinbarungen mit den Islamisten seit längerer Zeit auch erkennbar, dass sie sich an ihre Zusagen gehalten hätten.
Bis zu einer internationalen Anerkennung der Taliban als Regierung wird es, so Schetter, noch ein "längerer, steiniger Prozess" werden, bei dem es inhaltlich um die Frage gehe, wie die Taliban die islamischen Scharia-Gesetze auslegen. Schettter: "Das ist frühestens in einem halben Jahr absehbar."
Angesprochen auf die Skepsis der afghanischen Bevölkerung gibt Schetter zu bedenken, dass sehr viele Menschen, vor allem in ländlichen Gebieten, nach 40 Jahren Dauerkonflikt kriegsmüde seien. Anders sei das in den Städten, vor allem in der Hauptstadt Kabul, wo man sich an die Schreckensherrschaft der Islamisten vor 2001 erinnere und wo die Angst tief sitze. Schetter: "Dieses Vertrauen wieder zu gewinnen, ist eine ganz große Herausforderung."
Der Zusammenbruch der vom Westen gestützten Regierung werde in der internationalen Sicherheitspolitik enorme Auswirkungen haben, prophezeit der Experte. Man werde die Demütigung aufarbeiten und, zum Beispiel, in Deutschland die Friedensmission der Bundeswehr in Mali nun neu bewerten. Das eigentliche Drama der Afghanistan-Intervention ist für Schetter jedoch ein anderes, nämlich "dass sich der Westen nie bemüht hat, das Land zu verstehen."
Prof. Conrad Schetter hat ist seit 2013 Forschungsdirektor des "Bonn International Center for Conversion"; er beschäftigt sich mit Friedens- und Konfliktforschung. Seine Habilitation beschäftigte sich 2009 mit der militärischen Intervention des Westens in Afghanistan.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

SWR2 Forum Taliban erobern Afghanistan – Wohin mit den Flüchtlingen?

Claus Heinrich diskutiert mit
Peter Hornung, Korrespondent ARD-Studio Südasien
Gerald Knaus, European Stability Initiative, Berlin
Prof. Dr. Daniel Thym, Universität Konstanz, Mitglied des Sachverständigenrats für Migration (SVR)  mehr...

SWR2 Forum SWR2

Film Frauen in Afghanistan: Filmemacherin Theresa Breuer über Rettungsversuche

„Ich hatte Angst, dass sich der Flughafen von Kabul, von dem ich anfangs dachte er sei der sicherste Ort, zum unsichersten Ort entwickelt“, erzählt Filmemacherin und Journalistin Theresa Breuer über ihren Versuch einer Rettungsaktion für mehrere Protagonistinnen ihres Films „An Uphill Battle“, der fünf afghanische Bergsteigerinnen porträtiert.  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Gespräch Machtübernahme der Taliban: Pakistan sorgt sich vor zunehmender Radikalisierung im eigenen Land

Der Sturz der afghanischen Regierung durch die Taliban wirkt sich auf die ganze Region am Hindukusch aus. In Pakistan habe man in Teilen der regierenden Eliten durchaus Sorge, dass es vermehrt zu Radikalisierungen und Gewalt komme, sagt Jochen Hippler. Der Direktor der Friedrich-Ebert-Stiftung im pakistansichen Islamabad betont im Gespräch mit SWR2, dass die Regierung mit der extremistischen Ideologie der Taliban meist wenig anfagen könne. „Das Interesse war auch in der Vergangenheit nicht, Afghanistan zu gestalten,“ sagt Jochen Hippler. Vielmehr gehe es darum, sich den Rücken für den Jahrzehnte andauernden Konflikt mit Indien freizuhalten. Zwar gebe es auch in Pakistan Taliban, diese seien aber organisatorisch vom afghanischen Flügel getrennt. „Die Entwicklung im Land geht dahin, zwischen 'guten' und 'schlechten' Taliban zu unterscheiden,“ konstatiert Hippler. Positiv schaue man auf die, die sich von der pakistanischen Regierung leiten ließen. Sorge und Angst bereiten dagegen jene, die auch in Pakistan selbst Gewalt ausübten. Die Hoffnung auf eine Vermittlerrolle Pakistans teilt Hippler vorsichtig: Es sei auch im Interesse des Landes, Gesprächsfäden mit den neuen Machthabern in Kabul zu knüpfen. Allerdings: „Pakistan hat Zugang zu bestimmten Taliban-Gruppen, aber nicht zu allen.“  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Warum die Regierungsarmee in Afghanistan kaum Widerstand gegen die Taliban leistete

Es sei keine Überraschung, dass die afghanischen Sicherheitskräfte den Taliban kaum Widerstand geleistet hätten, so der österreichisch-afghanische Autor Emran Feroz in SWR2. Während der vergangenen Jahre hätten sich viele junge Männer im Kampf für korrupte Eliten und Militärs in Kabul geopfert. Die Masse der Soldaten sei letztlich von der Regierung als "Kanonenfutter" eingesetzt worden und demoralisiert gewesen, so Feroz.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Welttag der humanitären Hilfe: Gefährlicher Trend der Vermischung mit Politik

Die humanitäre Nothilfe hat Mühe, sich der Politisierung zu erwehren. Am "Welttag der humanitären Hilfe" warnt der Experte Ralf Südhoff im Gespräch mit SWR2 vor einer Verquickung: "Humanitäre Hilfe wird immer häufiger integriert in politische Konzepte", so der Gründungsdirektor des "Centre for Humanitarian Action" in Berlin. "Der Trend ist da eher bedrohlich", meint Südhoff unter Verweis und auf die Unterstützung von Staaten, die bei der Eindämmung von Migration behilflich seien. Humanitäre Hilfe müsse dagegen ohne Ansehen der Person oder der Nation gegeben werden - auch im Fall von Afghanistan.  mehr...

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