SWR2 Wissen Impfen – Warum sind Eltern dagegen?

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Von Volkart Wildermuth

Impfen ist ein umkämpftes Thema. Zwar sind radikale Impfgegner selten, aber viele Eltern sind unsicher. Ist das Impfen ihrer Kinder wirklich nötig und sicher? Viele fürchten Nebenwirkungen. Psychologen haben diese Skepsis analysiert und fünf Gründe gefunden, warum sich manche Eltern gegen eine Impfung entscheiden.

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In der Kinderarztpraxis Reutlingen ist Impfen für Dr. Till Reckert Alltagsgeschäft. Als Pressesprecher des baden-württembergischen Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte weiß er, dass seine Erfahrungen typisch sind.

"Zunächst einmal sind nicht alle Eltern verunsichert. Es gibt viele Eltern, mit denen man die üblichen Fragen besprechen kann: Wie sie sich verhalten müssen im Umfeld zu einer Impfung und um welche Krankheiten es geht."

Es gebe aber auch Eltern, die mehr Gesprächsbedarf haben. "Das sind eben Eltern, die vielleicht mal irgendwo eine schlechte Erfahrung gemacht haben - dass eine Nebenwirkung, Impfreaktion aufgetreten ist. Manchmal ist es auch so, dass ein Bekannter jemanden kennt, der jemanden kennt, der jemand kennt, der das hatte."

Mit Eltern, die Impfungen komplett verweigern, hat Kinderarzt Till Reckert nur sehr selten zu tun. Solche Impfgegner befeuern zwar die Debatte, aber sie bleiben mit drei bis fünf Prozent eine kleine Minderheit. Viele Eltern in Deutschland sind allerdings verunsichert und zögern die Impfungen ihrer Kinder hinaus - manche ganz bewusst. Bei der Masern-Impfung beispielsweise erfolgt die zweite Impfung bei gut einem Viertel der Kinder später als von der Ständigen Impfkommission empfohlen.

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Gerade beim Thema Impfen haben viele Eltern Gesprächsbedarf. imago/Westend61 - imago/Westend61

Fünf Gründe, weshalb sich Eltern dagegen entscheiden

Im Labor für "Psychologie und Infektionskrankheiten" an der Universität Erfurt werden Einstellungen, Argumentationen und Entscheidungsprozesse rund ums Impfen erforscht. Psychologieprofessorin Cornelia Betsch untersucht hier mit vielen Experimenten, wie sich Menschen beim Thema Impfen eine Meinung bilden. Entscheidend sind dabei fünf Aspekte, sagen die Wissenschaftler.

1. Das Bedrohungsgefühl geht zurück

Dadurch, dass gegen so viele Krankheiten geimpft wird, erkranken immer weniger Menschen daran. Und die möglichen Folgen der Erkrankung werden kaum sichtbar. Daher denken manche Eltern, dass diese Krankheiten quasi ausgestorben sind und man sich deshalb auch nicht dagegen schützen muss.

2. Kein Vertrauen in die Impfung

Die Angst vor Nebenwirkungen ist unter Eltern weit verbreitet. Nach einer Injektion kann der Arm wehtun, je nach Impfung ist auch mit Fieber zu rechnen, ein Anzeichen, dass das Immunsystem wie gewünscht reagiert. Es kann aber auch zu ernsten Symptomen kommen.

Die Frage ist dann: Hat es etwas mit der Impfung zu tun oder ist das Symptom unabhängig davon aufgetreten? Jedes Medikament kann Nebenwirkungen haben, das gilt auch für Impfungen. Entsprechende Meldungen werden in Deutschland beim Paul-Ehrlich-Institut im hessischen Langen gesammelt und genau untersucht. In den allermeisten Fällen lässt sich kein Zusammenhang mit der Impfung belegen.

Jährlich werden zwischen 30 und 40 Impfschäden anerkannt. Bei knapp 45 Millionen Impfdosen pro Jahr sind sie also sehr selten.

3. Praktische Hürden

Den Impfpass suchen, ihn richtig verstehen, sich beim Arzt stundenlang ins Wartezimmer setzen - das alles sind laut Cornelia Betsch ganz praktische Gründe, die Menschen davon abhalten, sich oder ihre Kinder impfen zu lassen. "In anderen Ländern ist es zum Beispiel möglich, sich auch in Apotheken impfen zu lassen. Das ginge sicher nur bei bestimmten Impfungen wie Influenza. Aber es würde das Impfen einfacher machen." Eine andere Möglichkeit wären zum Beispiel Massenimpfungen an Schulen.

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Oftmals hindern ganz praktische Gründe Menschen daran, sich oder ihre Kinder impfen zu lassen. Das kann auch mal der verlorene Impfpass sein. imago/Winfried - imago/Winfried

4. Der Gemeinschaftsschutz

Je mehr Menschen geimpft sind, desto langsamer breitet sich ein Erreger aus. Um etwa die hochansteckenden Masern ganz zu stoppen, müssen 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein. Dann sind die Viren auch keine Gefahr mehr für Menschen, die gar nicht geimpft werden können. Säuglinge zum Beispiel, die noch zu klein sind, oder Menschen mit geschwächtem Immunsystem, bei denen eine Impfung nicht anschlägt. Das nennt man auch Gemeinschafts- oder Herdenschutz

In den Studien von Cornelia Betsch zeigt sich, dass der Gemeinschaftsschutz verschieden interpretiert werden kann. Manche lassen sich impfen, um andere zu schützen. "Wir sehen aber auch, dass Trittbrettfahren eine Rolle spielt. Das Wissen um den Gemeinschaftsschutz kann auch dazu führen, dass man das Impfen selber lässt."

5. Die Neigung, eigene Informationen zu suchen

Die meisten Eltern wägen die verschiedenen Aspekte mehr oder weniger bewusst ab und entscheiden sich dann, ihr Kind impfen zu lassen. Aber viele Familien haben ein größeres Informationsbedürfnis und suchen im Internet nach Rat.

In Suchmaschinen ploppen als erstes die Seiten von Impfgegnern auf. Seriöse Informationen sind eher versteckt, beklagt Cornelia Betsch, selbst unter Ärzten kennen nur vier Prozent die Website "Impfen-info.de" von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Viele psychologische Experimente belegen: bei einem Überangebot an Argumenten neigen Personen dazu, sich unbewusst auf Informationen zu stützen, die die eigenen Vorurteile bestätigen.

Auch die etablierten Medien zeichnen häufig ein verzerrtes Bild der Debatte. Oft wird im Namen einer falschen Ausgewogenheit ein Vertreter pro und einer contra Impfung vorgestellt.

Cornelia Betsch: "Das ist ein Alptraum! Das befördert eine falsche Balance und suggeriert, dass die Hälfte dafür und die Hälfte dagegen sei. Aber das entspricht überhaupt nicht der tatsächlichen Verteilung der Meinungen." Von Wissenschaftlern zum Beispiel seien die allermeisten klar für das Impfen.

Rhetorische Tricks der radikalen Impfgegner

In öffentlichen Debatten geht es auch nicht nur um Fakten. Genau wie Klimaleugner nutzen Impfgegner rhetorische Strategien um überzeugender zu wirken. Wie das funktioniert, untersucht der Psychologe Philipp Schmid im Rahmen seiner Doktorarbeit in Erfurt. Impfgegner verweisen oft auf emotional aufwühlende Einzelfälle, obwohl sich seriöse Aussagen nur über große Studien erzielen lassen.

Sie zitieren falsche Experten, etwa Professoren, deren Qualifikation gar nicht auf dem Gebiet des Impfens liegt. Verschwörungstheorien werden propagiert und es wird Unmögliches verlangt.

100 % Sicherheit - klingt gut, ist aber unmöglich

Schmidt: "Die Impfung sollte zu 100 Prozent sicher sein. 100-prozentige Sicherheit gibt es bei keinem medizinischen Produkt, nicht bei Aspirin, nicht bei der Herz-OP, die gibt es auch nicht bei der Impfung, aber sie wird dennoch verlangt." Die Tricks zu kennen hilft, ihnen zu begegnen.

Eine wirksame Strategie ist zum Beispiel, bei einer Antwort nicht nur die Fakten klarzustellen, sondern gleichzeitig zu sagen, welchen rhetorischen Trick der Impfgegner verwendet hat.

Wenn hundertprozentige Sicherheit verlangt wird, dann reicht es nicht, auf die sehr niedrige Zahl von Nebenwirkungen zu verweisen. Schmid: "Aufzuzeigen, dass unmögliche Erwartungen eben, wie der Begriff sagt, unmöglich sind, kann den Leuten helfen zu verstehen, warum es im ersten Sinne irgendwie überzeugend klingt, aber auf den zweiten Blick doch falsch ist."

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Eine Impfpflicht gegen Masern wird immer wieder diskutiert. imago/blickwinkel - imago/blickwinkel

WHO: Impfmüdigkeit großes Risiko

Die Weltgesundheitsorganisation zählte die Impfmüdigkeit Anfang 2019 zu den zehn größten Risiken für die globale Gesundheit. Diese Sorge ist auch bei den politischen Parteien in Deutschland angekommen.

Sie diskutieren gerade einen Vorschlag von Gesundheitsminister Spahn, ob nicht zumindest für die Masern eine Impfflicht eingeführt werden sollte - wenigstens für Kinder, die Kitas, Kindergärten und Schulen besuchen. Damit würde Deutschland nachvollziehen, was in Frankreich, Italien Tschechien und vielen anderen europäischen Länder bereits praktiziert wird.

Für die große Mehrheit aber bleibt Impfen etwas, das einfach zur guten Versorgung der Kinder dazugehört. Das spiegelt sich auch in den Impfquoten des Berliner Robert Koch Institutes wieder. Dort ist Anette Siedler stellvertretende Leiterin der Fachgruppe Impfprävention. "Die Impfquoten zum Schuleingang liegen eigentlich bei allen Impfungen der Grundimmunisierung im Kindesalter zwischen 90 und 95 Prozent Impfschutz."

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