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Anonymous: Warum das Hacker-Kollektiv nicht nur für Russland eine Gefahr ist

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AUTOR/IN
Christian Batzlen

Krieg wird heutzutage nicht mehr nur mit Raketen, Panzern und Sanktionen geführt, sondern auch auch mit Attacken gegen die digitale Infrastruktur des Gegners. Aber nicht nur Staaten sind Akteure in dem sogenannten „Cyberwar“, sondern auch selbsternannte „IT-Armeen“ wie das Hacker-Kollektiv „Anonymous“. Doch diese digitalen Feldzüge der „Online-Robin-Hoods“ sind mit Vorsicht zu genießen.

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Ukrainischer Digitalminister hat russische IT-Ziele vorgeschlagen

Der ukrainische Digitalminister hat die Geister selbst beschworen, als er der sogenannten “IT-Armee der Ukraine” in einem Telegram-Channel potentielle russische Ziele vorschlug, die gehackt werden sollten. Zum ersten Mal in der Geschichte hat eine Regierung so etwas getan. Mittlerweile hat der Channel 270.000 Follower, die Büchse der Pandora ist geöffnet.

Seitdem schalten Hacker russische Websites wie die der Sberbank und der Moscow Exchange Bank immer wieder ab. Auch Gazprom, Ministerien und TV-Sender sind im Visier der Hacker. Aber wer hat denn nun wirklich die Kreml-Website lahmgelegt?

#OperationRussia vom „Anonymous“-Kollektiv

Laut eigenen Angaben hat das „Anonymous“-Kollektiv zugeschlagen: #OperationRussia nennen sie es. Die „guten Hacker”, wie sie in sozialen Medien oft glorifiziert werden, geistern wieder durchs Netz: Der „schwarze Block des Internets”, der gegen Scientology kämpfte, Attilda Hildmann absägte, der Block, dessen Gründergeneration 2011 im Zuge der Wallstreet-Proteste ins Gefängnis ging oder in die digitale Emigration wandern sah, nachdem das FBI zurückschlug.

Doch wer ist Anonymous im Jahr 2022? Das fragen sich viele, und hoffentlich sie selbst zumindest wissen es. Anonymous ist ein hierarchieloses Hackerkollektiv. Es hat keine Mitgliederlisten, keine Satzung, und so sind die genauen ideologischen Ziele schwer auf einen Nenner zu bringen - nach außen und nach innen. Anonym heißt: Niemand kann sagen, wer gerade agiert. Anonym heißt jedoch auch, die Gruppe ist am Ende leicht zu kapern.

Digitale Protest als „Ziviler Ungehorsam“

Wer kontrolliert also noch den Krieg im Netz und dessen Armee? Die digitalen Sitzblockaden, wenn wieder Websites für einen Tag oder ein paar Stunden abgeschaltet sind, fallen eher unter zivilen Ungehorsam. Auch die Idee, auf Google Maps bei russischen Restaurants politische und kriegskritische Bewertungen mit 5 Sternen zu hinterlassen, ist allenfalls gut gemeint.

Sendungen und Botschaften auf Russisch in das staatliche Fernsehen einzuschleusen ist dagegen ein genialer Hack - im wahrsten Sinne des Wortes. Dieser digitale Protest ist wichtig, er beschäftigt den russischen IT-Apparat, informiert russische Bürger auf Umwegen und setzt vor allem ein Zeichen der Solidarität mit der Ukraine.

Angriffe auf kritische Infrastrukturen mit unabsehbaren Folgen

Aber was, wenn sich die Hacks gegen wirklich kritische Infrastrukturen richten würden? Wenn die Versorgung mit Trinkwasser zusammenbricht oder Züge kollidieren. Gegen so eine IT-Apokalypse wirken Putins Social Media-Trolle im amerikanischen Wahlkampf regelrecht drollig. Die Armee der Hacker ist auf beiden Seiten schwer zu kontrollieren.

Der Cyber-War ist der Teil des Krieges, der nur schwer zu sehen und zu sanktionieren ist. Und am Ende will es keiner gewesen sein. Und noch schlimmer: Putin könnte sich aussuchen, wem er die Schuld gibt, und wo er „Vergeltung“ üben möchte. Anonymous wird es vermutlich nicht treffen.

Cyberkrieg ist der Krieg der Zukunft, bei dem Beispiele aus der Vergangenheit jedoch noch fehlen, um aus der Geschichte zu lernen. Wir müssen erst noch erkennen, wie tiefgreifend und umfassend solch ein Krieg ausfallen könnte, wilde Hackerei könnte hier sehr schnell sehr gefährlich werden.

Cyber-Krieg Das wissen wir bisher über Cyberattacken im Ukraine-Krieg

Die Ukraine hat Hacker aufgerufen, das Land beim Schutz sensibler Infrastruktur gegen russische Cyber-Attacken zu unterstützen. Das Hacker-Kollektiv Anonymous hat Russland den Cyber-Krieg erklärt. Welche Rolle spielen Cyber-Attacken im Ukraine-Krieg?
Ralf Caspary im Gespräch mit Matthias Schulze, Cybersicherheits-Experte von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik.

SWR2 Impuls SWR2

Gespräch Kulturwissenschaftler Hornuff: Putins Machtinszenierung ist veraltet

„Bilder selbst führen nicht einen Krieg, sie sind jedoch Teil einer Kriegsführung und Strategie und dienen bestimmte Interessen“, erklärt Daniel Hornuff, Kulturwissenschaftler an der Uni Kassel im Gespräch mit SWR2. Die Online kursierende Tischinszenierungen von Wladimir Putin hängen einem alten Medienmodell an. Früher wurde nur über einen Kanal Informationen und Bilder gesendet, eine „One Way-Kommunikation“ nennt es Hornuff. Aber auch in Russland seien Soziale Medien inzwischen weit verbreitet. „Deshalb verfangen solche Machtinszenierungen nicht mehr“. Im Zeitalter von Sozialen Medien seien die Bedeutungen, die man in Bilder hineinlegt, nicht mehr das, was bei den Empfänger*innen ankommt. Die ziehen daraus ihre eigene Bedeutung. Dagegen hat der Präsident der Ukraine Wolodymyr Selenskyj ein ganz anderes Auftreten. Er inszeniert mit der Nutzung sozialer Medien ein Gegenbild zu Putin, sagt Hornuff. „Er nutzt damit die Logik von Sozialen Medien viel effektiver“.

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Sicherheitspolitik Cyberwar – Das Internet als Waffe

Die Staaten rüsten digital auf: Sie sammeln IT-Sicherheitslücken, entwickeln Schadprogramme und gründen militärische Einheiten für den sogenannten Cyberkrieg.

SWR2 Wissen SWR2

Diskussion Vom Kalten Krieg zum Cyberwar – Wofür brauchen wir die NATO?

Wofür brauchen wir die NATO? Es diskutieren: Dr. Annegret Bendiek -Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin, Dr. Andrew Denison - Direktor des Forschungsverbundes Transatlantic Networks, Königswinter, Prof. Dr. Carlo Masala - Universität der Bundeswehr, München

SWR2 Forum SWR2

Gespräch Das Kernkraftwerk von Saporischschja und das Trauma von Tschernobyl

„Wir können im Grunde davon reden, dass die russischen Besatzer das Atomkraftwerk als Schutzschild und als Geisel verwenden“, sagt die Technikhistorikerin Anna Wendland bei SWR2. Die Expertin hat zur Reaktorsicherheit in der Ukraine habilitiert und kennt daher die Lage und Ausstattung sehr gut.
Das größte Atomkraftwerk Europas im Süden der Ukraine war in den vergangenen Tagen mehrfach mit Raketen beschossen worden. Dabei wurden Teile der Anlage beschädigt, ein Reaktor musste abgeschaltet werden. Russland und die Ukraine schieben sich dafür gegenseitig die Verantwortung zu. „Wir haben ziemlich viele Belege, dass die russische Armee aus der Nähe des Atomkraftwerkes die ukrainische Seite beschießt. Und sie tun das, weil sie wissen, es kommt keine Antwort, weil die Ukrainer nicht auf die Anlage in Saporischschja schießen“, erklärt Wendland die Grundkonstellation. „Dabei kam es auch zu Treffern in der des Standortzwischenlagers für abgebrannte Brennelemente und das ist natürlich besorgniserregend“, meint die Expertin.
Bisher habe es aber noch keinen gezielten Beschuss der Reaktoren geben, sondern Wendland vermutet hinter den Treffen sogenannte Blindgänger.

SWR2 am Morgen SWR2

Forum Zwischen Korruption und Krieg – Was wird aus der Ukraine?

Thomas Ihm diskutiert mit
Prof. Dr. Jan Claas Behrends, Historiker
Katja Gloger, Journalistin
Prof. Dr. Thomas Jäger, Politikwissenschaftler

SWR2 Forum SWR2

Aktuell Weitere Getreideschiffe verlassen die Ukraine

Die Themen: Libanon: Ukrainischer Botschafter hofft auf baldige Weiterfahrt der Razoni ++ Kriegsgeschehen in der Ukraine ++ Gaza-Kampfhandlungen gehen weiter ++ Brand in Grunewald

SWR2 Aktuell SWR2

SWR2 Wissen: Aula Krieg gegen die Ukraine – Putin und der Stalinismus

Wladimir Putin beruft sich im Kontext seines Krieges gegen die Ukraine auf Stalin. Wie wichtig ist Stalin für Putins Ideologie? Ralf Caspary im Gespräch mit dem Osteuropa-Spezialisten Stefan Creuzberger.

SWR2 Wissen: Aula SWR2

das ARD radiofeature Propagandaschlacht um Mariupol – Doku über eine Stadt im Krieg

Die Stadt Mariupol steht für den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Während der ukrainische Präsident sie „Herz des Krieges“ nennt, versucht die russische Propaganda, die Ukraine für das Leid der Bevölkerung verantwortlich zu machen. | Von Christine Hamel | (Produktion: BR 2022)

SWR2 Feature SWR2

Die Macht ... (8/10) Die Macht des Militärs

Nach dem Ende des Kalten Kriegs schien der Militarismus überwunden. Doch jetzt steigen die weltweiten Rüstungsausgaben rasant. Wie groß ist die Macht des Militärs heute?

SWR2 Wissen SWR2

Medizin Ukraine: So versorgt man versehrte Soldaten mit Prothesen

Bisher waren sie in der ukrainischen Gesellschaft nahezu unsichtbar: Amputierte und Menschen mit Behinderung. Doch durch den Krieg benötigen plötzlich Hunderte junger Soldaten Prothesen, um weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können.

SWR2 Impuls SWR2

Gespräch Somalia und die Weizen-Blockade aus der Ukraine – „Es braucht jetzt wirklich einen Kraftakt“

Durch die Blockade von Weizenexporten aus der Ukraine hat sich die Hungersnot in den Ländern am Horn von Afrika drastisch verschlimmert. Die Sprecherin von UNICEF Deutschland, Christine Kahmann, nennt die Lage in Somalia im Gespräch mit SWR2 „katastrophal“.
Das Land importiere über 90 Prozent seines Bedarfs an Weizen aus Russland und der Ukraine. Kahmann erläutert: „Viele Familien in Somalia können sich Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten.“ Dass ein erstes Frachtschiff mit einer Ladung Weizen aus einem ukrainischen Hafen auslaufen konnte, ist für die Expertin ein „Hoffnungsschimmer“. Es gelte aber: „Die Lage in Somalia lässt sich nicht einfach entschärfen. Es braucht jetzt wirklich einen Kraftakt.“
Doch sei der Nothilfeaufruf von UNICEF und anderen Hilfsorganisationen bisher „drastisch unterfinanziert“. Auch wenn die Welternährungsorganisation WHO für Somalia noch nicht offiziell eine Hungersnot ausgerufen habe, gelte: „Bereits jetzt sterben die Kinder – wir dürfen jetzt keine weitere Zeit verlieren.“
Christine Kahmann ist seit 2020 Pressesprecherin des UNICEF-Komitee Deutschland; sie hat zuvor für die Hilfsorganisation „Action against Hunger“ gearbeitet.

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Gespräch Sergii Rudenko – Selenskyj. Eine politische Biografie

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskji ist seit dem Überfall Putins ein Weltstar. Dabei war er im letzten Winter ziemlich angezählt. Seine Partei „Die Diener des Volkes“ war hervorgegangen aus einer Fernsehproduktionsfirma, deren Mitarbeiter auf einmal die Armee, den Geheimdienst und das Außenministerium leiteten. Erst der Überfall Putins machte aus Selenskji den Präsidenten, der Putin herausfordern konnte. Jetzt ist ein Buch auf Deutsch erschienen, das erzählt die ganze verworrene Geschichte des Machtwechsels in der Ukraine: Selenskji – eine politische Biographie. Wir sprechen mit dem Autor Sergii Rudenko.
Übersetzt von Beatrix Kersten, Jutta Lindekugel
Hanser Verlag, 224 Seiten, 24 Euro
ISBN 978-3-446-27576-8

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