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Vor den Wahlen in der Türkei – Steht die Renaissance der Istanbuler Kulturszene bevor?

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Frauke Oppenberg
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Lydia Huckebrink

Bei den anstehenden Wahlen in der Türkei steht viel auf dem Spiel. Kann Präsident Erdogan seinen Unterdrückungskurs gegen kritische Intellektuelle und Künstler*innen fortsetzen? Umfragen räumen dem Oppositionsführer Kilicdaroglu Chancen auf einen Machtwechsel ein, sagt der Journalist Osman Okkan in SWR2. Die Kulturszene hoffe auf mehr Freiheiten und die Rückkehr des liberalen Kulturlebens.

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Wird Erdogan die Wahl sabotieren?

Die Opposition in der Türkei darf sich Hoffnungen auf einen Machtwechsel machen. „Alle Meinungsumfragen deuten darauf hin, dass die Opposition einen leichten Vorsprung haben könnte“, sagt Osman Okkan, Gründer und Vorstandssprecher des „Kulturforum Türkei Deutschland“ im Gespräch mit SWR2.

Der Abstand, den Wahlforscher zwischen Präsident Erdogan und seinem Herausforderer Kilicdaroglu sehen, werde sich eventuell sogar noch vergrößern. Doch rechnet Okkan auch damit, dass Erdogan in die Trickkiste greift, um den Wahlausgang zu drehen.

„Das geht von Fake-Nachrichten bis zu Gewaltanwendung, wie wir das bei der Wahlveranstaltung des Istanbuler Oberbürgermeister Imamoglu gesehen haben“, mutmaßt Okkan zur heißen Phase des Wahlkampfs, die gerade begonnen hat.

Zurück zu einer blühenden Kulturszene

Für den Fall, dass das Oppositionsbündnis unter Kilicdaroglu die Nase vorn hat, sieht Okkan eine Renaissance der türkischen Kultur voraus. „Istanbul könnte wieder zu einer blühenden Kunst- und Kulturszene werden“, hofft er. Künstler und Kulturschaffende würden zu einer „Demokratie-basierten“ Kulturszene zurückfinden.

Die Voraussetzungen sind aus seiner Sicht gegeben: „Es gibt sehr gute literarische Werke, die teilweise im Ausland erscheinen.“ Auch unter Komponisten und bildenden Künstlerinnen gebe es viele hoffnungsvolle Talente.

Bevölkerung zweifelt an Erdogans Kurs

Okkan glaubt auch, dass breite Schichten der türkischen Bevölkerung begriffen haben, in welche Sackgasse Erdogans Kurs einer Unterdrückung von Meinungsfreiheit und Kultur geführt hat. „Das hat keine Zukunft, das ist ein Lernprozess, den wir erkennen“, sagt er. Eine von Kilicdaroglu geführte Regierung werde inhaftierte Intellektuelle freilassen und sich den Urteilen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte unterwerfen, ist er sich sicher.

Osman Okkan wurde in Ankara geboren und lebt seit 1965 in Deutschland. Der Filmemacher und Journalist war in den 1980er Jahren einer der Mitbegründer des Kulturforum Türkei Deutschland, dessen Vorstandssprecher er weiterhin ist. Für seine Arbeit erhielt er 2014 das Bundesverdienstkreuz am Bande.

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Am Gründonnerstag haben Unbekannte Schüsse auf die Zentrale der größten türkischen Oppositionspartei CHP abgefeuert. Eine weitere Oppositionspartei hat kürzlich ähnliches erlebt. Serap Güler, CDU-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung hält das so kurz vor den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in der Türkei nicht für einen Zufall. "Es ist leider keine Seltenheit in der Türkei, dass vor Wahlen etwas passiert, was nicht nur die Opposition, sondern viele Menschen im Land einschüchtern soll", so Güler im SWR-Tagesgespräch. Sie und viele andere Experten seien sogar eher überrascht, dass es zuletzt nicht noch mehr ähnliche Terroranschläge gegeben habe. Eine richtige Aufbruchsstimmung für einen Wechsel an der Spitze des Landes sieht Güler nur bei bestimmten Altersgruppen. "Es gibt junge Menschen, die wirklich eine Veränderung wollen. Erdogan ist seit 2002, damals als Ministerpräsident, an der Macht, und viele junge Menschen kennen kein anderes Gesicht als Erdogan", sagt die CDU-Bundestagsabgeordnete. Andere Menschen im Land seien aber inzwischen auch einfach resigniert.

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