Neueröffnung

Vom Militaristen zum Helden? Neue Stauffenberg-Erinnerungsstätte öffnet im Alten Schloss Stuttgart

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AUTOR/IN
Andreas Langen

Nach langer Renovierung wird im Stuttgarter Alten Schloss die Stauffenberg-Erinnerungsstätte neu eröffnet. „Stauffenberg wurde und wird vereinnahmt und kritisiert“, sagt Cornelia Hecht-Zeiler vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg. In der neuen Gedenkstätte sollen sich Besucher*innen ein eigenes Bild machen können.

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Kritische Auseinandersetzung mit einer verklärten Heldenfigur

Eine historische Figur, die es zum Hollywood-Helden bringt, kann man wohl getrost als prominent bezeichnen. Claus Schenk Graf von Stauffenberg hat als Protagonist des Thrillers „Operation Walküre“ aus dem Jahr 2007 diese posthume Karriere gemacht - ein Plakat des Films findet sich denn auch in der neu gestalteten Stauffenberg-Erinnerungsstätte im Alten Schloss Stuttgart.

Eine solche Institution aber muss – anders als ein Actionfilm – strikt bei den Fakten bleiben. Und die sind, Stauffenbergs Ruhm zum Trotz, äußerst spärlich belegt, erklärt Ausstellungskurator Christopher Dowe: „Wir haben einige wenige zeitgenössische Dokumente von ihm oder aus seinem direkten Umfeld. Es gibt dann im Zusammenhang mit dem 20. Juli dann die Ermittlungsunterlagen der Gestapo in einer zusammengefassten Form. Die eigentlichen beschlagnahmten Dokumente der Umsturzbewegung sind alle verbrannt.“

„Attentat. Stauffenberg“ in der Stauffenberg-Erinnerungsstätte, Altes Schloss, Stuttgart  (Foto: Pressestelle, Haus der Geschichte Baden-Württemberg / Daniel Stauch)
Blick in die Ausstellung: „Attentat. Stauffenberg“ in der Stauffenberg-Erinnerungsstätte, Altes Schloss, Stuttgart Pressestelle Haus der Geschichte Baden-Württemberg / Daniel Stauch

 Die neue Erinnerungsstätte leistet Basisarbeit bei der Verabreichung von Wissen

Herkunft und Werdegang des späteren Hitler-Attentäters werden klug veranschaulicht. Zu sehen sind Stauffenbergs Cello, sein Degen, das Napoleon-Porträt, mit dem er seinen Arbeitsplatz dekorierte, sowie Texte und Bilder.

Der junge, talentierte Offizier war zunächst ein treuer Diener des NS-Staates. Noch zu Beginn des Krieges schreibt Stauffenberg, ganz im Duktus eines „Herrenmenschen“:

 „Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun.“

Dieser fatale Satz ist jetzt in der neuen Ausstellung zu lesen, neben Lebensläufen von zivilen Kriegsopfern und militärischen Kameraden Stauffenbergs. Es zählt zu den großen Qualitäten der neuen Ausstellung, dass sie solche Zusammenhänge nüchtern und unverblümt herstellt.

Claus Schenk, Graf von Stauffenberg (Foto: IMAGO, United Archives International)
Das Wolfsschanze-Attentat machte Stauffenberg im Nachkriegsdeutschland zum Volkshelden. Ist dieses Bild nach heutigem Stand der Forschung noch zeitgemäß? United Archives International

Stauffenberg kritisierte die Massenmorde an Zivilisten und Kriegsgefangenen

Es gäbe einen Wandel in Stauffenbergs Haltung, sagt Projektleiterin Cornelia Hecht-Zeiler vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg: „Es gab in dieser Diktatur, in diesem Unrechtsstaat die Möglichkeit, sich verschieden zu verhalten. Es gab Handlungsoptionen.“

Optionen, die Stauffenberg nutzte für einen Umsturzversuch. Er wollte die Massenmorde im deutschen Namen, vor allem an Zivilisten und sowjetischen Kriegsgefangenen, nicht länger hinnehmen. Nach einigen abgebrochenen Anläufen versuchte Stauffenberg am 20. Juli 1944, Hitler mit einer Bombe zu töten. Der Diktator überlebte und ließ Stauffenberg noch in derselben Nacht erschießen. 

„Attentat. Stauffenberg“ in der Stauffenberg-Erinnerungsstätte, Altes Schloss, Stuttgart  (Foto: Pressestelle, Haus der Geschichte Baden-Württemberg / Daniel Stauch)
Blick in die Ausstellung: „Attentat. Stauffenberg“ in der Stauffenberg-Erinnerungsstätte, Altes Schloss, Stuttgart Pressestelle Haus der Geschichte Baden-Württemberg / Daniel Stauch

Die neue Gedenkstätte sucht nun nach Wegen, dieses Geschehen mit einem heutigen Publikum zu verbinden

Das im Extremfall aus jenen NS-Verfolgten besteht, für die Stauffenberg eben nicht gestorben ist – den Juden. Die Ausstellungsmacher haben eine Begegnung zwischen deutschen und israelischen Jugendlichen organisiert und gefilmt. Am Ende erzählten sich beide Gruppen gegenseitig ihre Familiengeschichten.

Es prallten ganz verschiedene Narrationen des Nationalsozialismus aufeinander, so Projektleiterin Cornelia Hecht-Zeiler: „Heute können junge Menschen zusammenkommen und sich gegenseitig ihre Geschichten erzählen, auf Augenhöhe, respektvoll unter Anerkennung eben der unterschiedlichen Rucksäcke, die man mit sich trägt, historisch bedingt.“

Ulm

Hitler-Attentat vor 78 Jahren Ulm: Gedenken an Hitler-Attentäter Graf von Stauffenberg

In der Ulmer Wilhelmsburgkaserne ist am Mittwochmittag bei einem Gedenkappell an den Hitler-Attentäter Graf Schenk von Stauffenberg und weitere Opfer des Nationalsozialismus erinnert worden. Das Attentat auf Hitler vor 78 Jahren misslang.

Feature Konspirateurinnen – Frauen im Widerstand gegen Hitler

Nach dem Krieg wurde an die Männer im Widerstand gegen Hitler erinnert, die Frauen gerieten in Vergessenheit. Dabei gab es auch im Südwesten aktive Konspirateurinnen.

SWR2 Feature SWR2

Buchkritik Thomas Karlauf - Stauffenberg. Porträt eines Attentäters

Handelte Claus Graf Stauffenberg, der Attentäter des 20. Juli 1944, aus moralischen Motiven?. Thomas Karlauf hält militärische Beweggründe und Verantwortungsdenken für entscheidend.
Rezension von Michael Kuhlmann.


Blessing Verlag
ISBN 978-3-89667-411-1
368 Seiten
24 Euro

SWR2 lesenswert Kritik SWR2

21.7.1944 Nach Hitler-Attentat: "Warnkuckuck" warnt vor Luftangriffen

21.7.1944 | Einen Tag zuvor hatte die Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg versucht, Adolf Hitler umzubringen, doch der Führer überlebte. Darum geht es in der Nachrichtensendung als ein Warnzeichen ertönt, der sogenannte Warnkuckuck. Ein Fliegerangriff steht in Stuttgart bevor. Der Sender wird deshalb abgeschaltet. Zuvor sind, wie üblich gegen Kriegsende, die Luftlagemeldungen zu hören, hier im Reichssender Stuttgart. Nach den Lagemeldungen folgen die Nachrichten vom 21. Juli 1944.

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