Psychisch krank Traumatisiert im Ersten Weltkrieg

Zwischen 1914 und 1918 wurden insgesamt 613.047 Soldaten aufgrund von "Nervenkrankheiten" behandelt. Die grauenhaften Eindrücke von der Front ließen sie nicht mehr los: Nach dem Ersten Weltkrieg wurden viele in psychiatrischen Anstalten weggesperrt, 5000 Kriegsveteranen im Rahmen der Aktion T4 ermordet.

Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg mit drei Fahnen (Foto: privat -)
Eine Feldpostkarte aus dem ersten Weltkrieg war für viele Soldaten der einzige Kontakt zu ihren Familien. Mit den traumatischen Erlebnissen an der Front mussten sie alleine klar kommen. privat -

So schrieb Johannes W. aus der Tübinger Psychiatrie an seine Angehörigen: "Meine Ohren sind vor Stimmen summenartig voll. Die Angehörigen von Soldaten sind immer immer hinter mir, so dass ich die Nacht ohne Schlafmittel nicht kann nicht schlafen."

Psychiater liefern geistige Grundlage für Vernichtung

Der Leiter der Tübinger Psychiatrie, Robert Gaupp, war einer der führenden Kriegspsychiater. Er bezeichnete die Kriegsneurotiker als "wertlose Parasiten der menschlichen Gesellschaft, [...] sich und anderen zur Last!" Dementsprechend brutal war ihre Behandlung: Elektroschocks, Hungerkuren oder Zwangsexerzieren. Der Film "Reservelazarett Hornberg" setzt solche "Wunderheilungen" durch Elektroschocktherapien in Szene.

Psychische Erkrankungen durch den Krieg werden nicht anerkannt

Ziel der Heerespsychiatrie war es, die traumatisierten Soldaten möglichst rasch wieder zum Arbeitseinsatz zu befähigen und somit die Zahl der aus psychischen Gründen Rentenberechtigten möglichst niedrig zu halten. Daher tendierten die Gutachter auch dazu, angeborene seelische Leiden für die Erkrankung verantwortlich zu machen.

Das Beispiel Theodor Hinsberg

Die Krankenakte von Theodor Hinsberg zeigt, welch schreckliche Konsequenz diese Diagnose haben konnte. Nach einer Verschüttung in Verdun und mehrfachen Verwundungen wurde er am 27. Mai 1917 wegen "neurasthenischer Symptome" in das Reservelazarett der Psychiatrie Freiburg eingeliefert. Der Gutachter Alfred Hoche sah keine Verbindung zwischen dem Kriegsdienst und dem Ausbruch der Erkrankung. Die folgenden 23 Jahre verbrachte Hinsberg ununterbrochen in psychiatrischen Anstalten. Am 8. Juli 1940 wurde er im Rahmen der T-4-Aktion in Grafeneck ermordet. Dieses Schicksal traf etwa 5.000 Weltkriegsveteranen.

Feldpostkarte aus dem ersten Weltkrieg, darauf als Umrisse gezeichnet Soldaten auf dem Fahrrad (Foto: privat -)
Auf einer Abbildung einer Feldpostkarte radeln die Soldaten freudig dem Kampfeinsatz entgegen. Zurück kommen viele als gebrochene, traumatisierte Menschen, die mit dem Leben zu Hause nicht mehr klar kommen. privat -

Von Franziska Dunkel //

Dr. Franziska Dunkel ist Kuratorin der großen Landesausstellung "Fastnacht der Hölle – Der erste Weltkrieg und die Sinne", die vom 4. April 2014 bis zum 1. März 2015 im Haus der Geschichte Baden-Württemberg gezeigt wurde.

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