Zeitgeschichte

Vertuschter Mord: Der Tod des Holocaust-Überlebenden Samuel Danziger 1946 in Stuttgart

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Ein Mord von 1946 in Stuttgart zeigt, wie Antisemitismus und Rassismus in der deutschen Polizei nach dem Zweiten Weltkrieg weiterexistierten. Damals wurde bei einer Razzia der Polizei auf dem Schwarzmarkt der Holocaust-Überlebende Samuel Danziger erschossen. Der Täter sei damals nie ermittelt worden. Die Unwahrheit, wie Recherchen von SWR Reporterin Tina Fuchs jetzt zeigen.

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In der Reinsburgstraße findet Samuel Danziger seine Familie wieder

Samuel Danziger ist in Paris, als er hört, dass im Stuttgarter DP-Lager viele Überlebende aus seiner Heimatstadt Radom untergekommen sind. Danziger hat das Ghetto, hat Auschwitz überlebt und den Todesmarsch nach Mauthausen. Ob er in Stuttgart seine Familie, Freunde wiederfindet?

Das Wunder geschieht. In der Reinsburgstraße 197c klopft er an die Tür und kann seine Frau und seine beiden Kinder in die Arme schließen. Auch sie haben die Hölle von Auschwitz überlebt.

Razzia von Stuttgart: Vollbewaffnete Polizei gegen Holocaust-Überlebende

Am 29. März 1946, in den frühen Morgenstunden marschieren zwei Hundertschaften der Stuttgarter Polizei in der Reinsburgstraße auf, vollbewaffnet und mit Hunden. Über Lautsprecher werden die Bewohner des DP-Lagers aufgefordert, die Wohnungen zu verlassen.

Der Verdacht: Schwarzmarktgeschäfte im Lager. „Man muss sich das vorstellen, wer da auf wen traf", sagt Friedemann Rincke, Historiker im Stuttgarter Polizei-Museum „Hotel Silber“: „Überlebende der Vernichtungslager sind in ihren Wohnungen und draußen vor der Tür stehen auf einmal deutsche Polizisten, bellende Hunde, alle raus, alle raus. Was da für Erinnerungen hochgekommen sein müssen, bei diesen Menschen."

Samuel Danziger wird aus wenigen Metern Entfernung erschossen

Bewohner der Reinsburgstraße stellen sich den Polizisten in den Weg. Unbewaffnet. Es kommt zu einem Tumult. Warnschüsse werden abgegeben – ein Polizist – so schildert es später ein Zeuge – richtet seine Waffe auf Samuel Danziger und schießt aus wenigen Metern Entfernung.

Danziger ist sofort tot. Der Vorfall macht weltweit Schlagzeilen. Die amerikanische Militärregierung setzt ein Untersuchungsteam ein. Dutzende Zeugen werden befragt. „Das Hauptziel allerdings, den Schützen, den Täter zu ermitteln, diese Ergebnis wurde nicht erzielt, überraschender Weise nicht. Offiziell wurde ein Schütze namentlich nie benannt, geschweige denn, zur Verantwortung gezogen und vor Gericht gestellt.“

Oberwachtmeister K. ist mutmaßlich der Todesschütze

Der Untersuchungsbericht bleibt geheim und wird nie veröffentlicht. Dabei steht der Name im Ermittlungsbericht. In einem Protokoll, das das Jüdische Komitee erstellt hat. Oberwachtmeister K. steht da und dann: Der Mörder von Danziger. Ein paar Seiten weiter schlussfolgert das Untersuchungsteam: Danziger wurde von einer unbekannten Person erschossen.

Möglicherweise wollten die Amerikaner den Fall nie aufklären, weil sie die Razzia der Stuttgarter Polizei genehmigt hatten. „Es wurde ein Bedrohungsszenario aufgebaut, die deutsche Bevölkerung sei bedroht durch die Ausländer, namentlich auch durch die jüdischen Displaced Persons, und die Polizei beklagte stark, dass sie dagegen nicht vorgehen durfte. Besonders war das der Vorwurf, dass die Displaced Persons auf dem Schwarzmarkt aktiv seien, wir wissen heute, dass das nicht stimmt, jedenfalls nicht überproportional. Hintergrund sind auch ganz klar rassistische und antisemitische Stereotypen, die in der Polizei salonfähig waren.“

Amerikanische Militärverwaltung beschließt, nichts zu unternehmen

Auch der Stuttgarter Oberbürgermeister Arnulf Klett, Dienstherr der Polizei, lässt sich damals über den Fortgang der Ermittlungen der amerikanischen Militärregierung unterrichten. Drei Monate nach der Razzia, erhält er eine kurze Notiz. Man habe mit dem Polizeipräsidenten Weber die Affäre Reinsburgstraße besprochen. Und sei übereingekommen, die Angelegenheit ruhen zu lassen und nichts mehr zu unternehmen.

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