Verspätete Anerkennung eines Völkermords: Zentralrat der Sinti und Roma feiert 40jähriges Bestehen

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Marie Gediehn

Anlässlich der Festveranstaltung zum 40jährigen Bestehen des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma zieht die Historikerin Daniela Gress ein skeptisches Fazit der Aufarbeitung des Völkermords an dieser Minderheit. In der Nachkriegszeit sei das Geschehen „verschwiegen und bagatellisiert“ worden, sagt Gress, die an der Forschungsstelle Antitziganismus in Heidelberg arbeitet.

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Ein Hungerstreik in Dachau brachte den Durchbruch in der öffentlichen Wahrnehmung

Zwar hätten Wortführer von Sinti und Roma bereits kurz nach dem Untergang des NS-Regimes versucht, durch einen Verein ihren Anliegen Gehör zu verschaffen, doch dies sei gescheitert. Erst Ende der 1960er Jahre habe sich die Lage verbessert – nicht zuletzt durch einen Generationswechsel bei den Überlebenden.

„Die Kinder der Überlebenden haben dafür gesorgt, dass ihren Eltern Gerechtigkeit widerfährt“, so Gress wörtlich. Den Durchbruch in der öffentlichen Wahrnehmung habe ein Hungerstreik in der KZ-Gedenkstätte Dachau gebracht.

Über Kontinuitäten des Antiziganismus nach 1945 ist nur wenig bekannt

Als Völkermord anerkannt wurde der Tod von mehreren hunderttausend Sinti und Roma in den KZ jedoch erst seit 1982 durch den damaligen Bundeskanzler Schmidt (SPD). Die Expertin nennt „verspätete Anerkennung“ als charakterisierendes Schlagwort für den Umgang mit dem Tatgeschehen.

Das sei auch heute noch so. Die Ampel-Koalition in Berlin habe zum Beispiel erst vor wenigen Wochen einen Bundesbeauftragten für Antitziganismus ernannt: „Im Bereich des Antisemitismus haben wir eine solche Figur schon seit Jahren.“ Unkenntnis und Nachholbedarf gebe es indes weiterhin auch in der Forschung. „Es ist immer noch sehr wenig bekannt über die Kontinuitäten des Antitziganismus nach 1945“, stellt Gress fest.

Daniela Gress hat in Stuttgart und in Heidelberg Geschichte und Kulturarbeit studiert. Ihre Masterarbeit „Lasst uns unser Recht einfordern“ beschäftigt sich mit den Anfängen der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma in Deutschlands. Sie arbeitet seit 2017 an der Forschungsstelle Antitziganismus der Universität Heidelberg.

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