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Seit Rolf Hochhuths Theater-Klassiker „Der Stellvertreter” von 1963 gilt Papst Pius XII. als Papst, der zu den Verbrechen der Nazis wider besseres Wissen geschwiegen hat. Am 2. März gibt der Vatikan seine archivierten Quellen über Pius XII. zur Einsicht frei. Ein Meilenstein in der kirchengeschichtlichen Forschung. Kirchenhistoriker wie Hubert Wolf versprechen sich Aufklärung darüber, wie der Papst zum Holocaust stand, ob er davon wusste, dass Pässe für Naziverbrecher zur Ausreise nach Argentinien ausgestellt wurden, und wie der Papst zur Gründung des Staates Israel stand. Seriöse Forschungsergebnisse erforderten allerdings noch bis zu zehn Jahre Zeit.

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6:00 Uhr
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SWR2

Was dachte Pius XII. über die Schoah? „Das ist eine Weltfrage”

Dass diese Quellen zugänglich würden, darauf habe er 30 Jahre gewartet, so der Kirchenhistoriker Hubert Wolf. „Das Verhalten Pius XII. angesichts der Schoah - das ist eine Weltfrage.”

Hubert Wolf lehrt an der Universität Münster und gilt als Experte für die katholische Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts. Auch wenn der gebürtige Schwabe schon mehrere Male in den sogenannten vatikanischen Geheimarchiven wissenschaftlich tätig war - die jetzige Öffnung der Akten zu Papst Pius den XII. ist für ihn etwas ganz Besonderes. Mit sieben Leuten arbeitet er immer wieder für einige Wochen in den vatikanischen Archiven.

Hubert Wolf (Foto: Imago, imago images / Gerhard Leber)
Hubert Wolf Imago imago images / Gerhard Leber

Warum hat Pius XII. 1948 Israel nicht anerkannt?

„Wir haben zunächst drei Fragen”, so der Kirchenhistoriker. „Die erste Frage lautet: Wie stand der Papst zum Holocaust. Zweite Frage: Wie stand der Papst zur Rattenlinie? Rattenlinie heißt Pässe für Naziverbrecher und Ustascha-Verbrecher, die dann meistens nach Argentinien ausreisen konnten. Und drittens: Wie stand der Papst zur Gründung des Staates Israel? Warum hat er den Staat Israel 1948 nicht anerkannt?”

Auch Wolfs Kollege Johannes Heil, Historiker an der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg, bezeichnet die Öffnung der Archive in Rom als epochal. Gerade aus jüdischer Sicht harren seiner Meinung noch zahlreiche wichtige Themenkomplexe einer verlässlichen Antwort: „Ganz wesentlich sind die Fragen nach dem Charakter des Verhaltens des Vatikans gegenüber der Gründung des Staates Israel. Sind das politische Rücksichtnahmen auf arabische Staaten, auf Christen in arabischen Staaten gegenüber dem arabischen Nationalismus? Oder spielt auch der alte Antijudaismus eine Rolle?”

Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster (Foto: Imago, epd)
Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster Imago epd

Zentralrat der Juden: Korrekte Ergebnisse zu Pius XII. zur Verfügung stellen

Die Archivöffnung im Vatikan ist nicht nur interessant für die Wissenschaft. Sie berührt auch das christlich-jüdische Verhältnis im Allgemeinen. Das betont Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. „Für das christlich-jüdische Verhältnis ist von großer Bedeutung, dass dieses Archiv gemeinsam von christlichen und auch jüdischen Historikern bearbeitet wird. Und dass damit auch die Vertrauensbasis geschaffen wird, dass die Ergebnisse, die hier zutage kommen, von den Fakten her korrekte Ergebnisse sind. Keine geschönten Ergebnisse - oder von irgendeiner Seite von einem Interessenkonflikt belegt.”

Allerdings gibt es noch einen Punkt, der in diesem Zusammenhang irritiert. Seit 1965 läuft in der katholischen Kirche ein Prozess, der zur Seligsprechung von Pius XII. führen soll. Deshalb sagt Ulrich Neymeyr, Bischof von Erfurt und Vorsitzender der Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum in der Deutschen Bischofskonferenz: „Ich hoffe, dass man im Vatikan abwarten wird bis die Ergebnisse dieser Kommission vorliegen und solange das Verfahren ruhen lässt.”

Hubert Wolf: Seriöse Ergebnisse zu Pius XII. erfordern zehn Jahre Zeit

Das gelte, auch wenn gerade von deutscher Seite jetzt mit Spannung nach Rom geblickt werde. Schnelle Ergebnisse sind nicht zu erwarten. Deshalb raten alle Beteiligten zu Geduld. Denn für verlässliche Resultate, unterstreicht Hubert Wolf aus Münster, brauche es Zeit: „Unter zehn Jahre braucht man das nicht zu machen, wenn man es seriös machen will. Aber es ist eine ganz großartige Sache: Der Papst macht endlich diese Dokumente zugänglich. Und ich kann dabei sein, wenn sie zugänglich werden. Kann diese Akten erstmals aufschlagen und beginnen zu lesen.”

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