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„Corona-Diktatur“ und „Rückführungspatenschaften“ – 2020 gibt es gleich zwei Unwörter des Jahres 2020. Das gab die unabhängige Jury aus vier Sprachwissenschaftler*innen und einem Journalisten bekannt.

Erstmals wählte die Jury gleich zwei Wörter und reagiert so darauf, dass das Thema Corona in diesem Jahr in der Öffentlichkeit wie auch in den Unwort-Einsendungen dominierte. Gleichzeitig solle mit dem zweiten Wort darauf aufmerksam gemacht werden, dass auch in anderen Themenbereichen weiterhin inhumane und unangemessene Wörter geprägt und verwendet würden, so die Jury.

Kulturwissenschaftler Daniel Hornuff zu den Unwörtern des Jahres 2020:

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„Rückführungspatenschaften“ – zynischer und beschönigender Begriff

Mit „Rückführungspatenschaften“ wurde im September 2020 von der EU-Kommission ein neuer Mechanismus der Migrationspolitik bezeichnet. EU-Staaten, die sich weigern, Geflüchtete aufzunehmen, sollen demnach die Verantwortung für die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber*innen übernehmen.

Dies als „Rückführungspatenschaften“ zu bezeichnen, hält die Jury für zynisch und beschönigend: Der ursprünglich christlich geprägte, positive Begriff der Patenschaft stehe für Verantwortungsübernahme und Unterstützung im Interesse von Hilfsbedürftigen, heißt es in der Jurybegründung. In der Zusammensetzung mit dem – ebenfalls beschönigend für „Abschiebung“ gebrauchten – Wort „Rückführung“ würde suggeriert, „dass Abschieben eine gute menschliche Tat“ sei.

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„Corona-Diktatur“ – widersprüchlich und verharmlosend

Das Wort „Corona-Diktatur“ wurde seit Beginn des öffentlichen Diskurses um den politischen Umgang mit der Pandemie von der selbst ernannten „Querdenker“-Bewegung und insbesondere von deren rechtsextremen Propagandist*innen gebraucht, um regierungspolitische Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu diskreditieren, so die Jury. Sie weist darauf hin, dass der Ausdruck auf Demonstrationen verwendet werde, die – anders als in autoritären Systemen – ausdrücklich erlaubt seien. Das allein stelle schon in sich einen Widerspruch dar.

Ein Ordner mit der Aufschrift "Coronadiktatur nein danke" auf der Sicherheitsweste (Foto: Imago, imago images/Müller-Stauffenberg)
Imago imago images/Müller-Stauffenberg

Außerdem verharmlose der Begriff tatsächliche Diktaturen und verhöhne die Menschen, die sich dort gegen die Diktatoren wenden und dafür Haft und Folter bis hin zum Tod in Kauf nehmen oder fliehen müssten. Auch mache es der Ausdruck schwieriger, berechtigte Zweifel an einzelnen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie offen und konstruktiv zu diskutieren, schreibt die Jury in ihrer Begründung.

30 Jahre Unwort des Jahres – ein Kommentar

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