Gespräch

Ukraine-Krieg produziert neue Heldenbilder – Selenskyj als David und Putin als Goliath

STAND
INTERVIEW

Audio herunterladen (8,7 MB | MP3)

Die Produktion von Heldenfiguren ist entscheidend für den Widerstand

Der Ukraine-Krieg stelle infrage, ob wir wirklich in einem „postheroischen Zeitalter“ leben, meint der Freiburger Soziologe Professor Ulrich Bröckling im Gespräch mit SWR2: „Wir sehen eine enorme Affizierungskraft und Mobilisierungskraft durch Fernsehbilder.“

Das gelte besonders für die Auftritte des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskyj und des Bürgermeisters von Kiew, Klitschko. „Ich glaube sicher, dass die Veränderung der Politik in den westlichen Ländern mit diesen Auftritten zu tun hat.“ Die Produktion von Helden ist aus Bröcklings Sicht „ganz entscheidend“ für den Widerstand der Ukraine im Krieg: „Heldenfiguren sind immer auch Bilder, die eine Bevölkerung von sich selbst macht.“

Aus Heldentum entsteht ein neuer nationaler Mythos

Man dürfe aber nicht vergessen, dass Heldentum mit Tod und Sterben verbunden ist. „Heldentum hat immer auch eine dunkle Situation“, gibt Bröckling zu bedenken. Darüber hinaus erinnert Bröckling daran, dass Geschichten von Helden auch Mythen seien, bei den polarisiert und personalisiert werde. In diesem Sinne sei Selenskyj der moderne David und Putin der Goliath, der immer mehr zu einer „dämonischen Gestalt“ gemacht werde.

Abzuwarten ist aus Bröcklings Perspektive, wie sich die Ereignisse auf die Menschen in der Ukraine auswirke: „Im Moment entsteht ein neuer nationaler Mythos der Ukraine. Da wird man sehen müssen, ob das auf Befreiung und Freiheit abzielt oder ob das in eine nationalistische Richtung geht.“

Ulrich Bröckling ist Professor für Soziologie an der Universität Freiburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt auch die Soziologie des Krieges und des Militärs. Im Jahr 2020 erschien von Bröckling im Suhrkamp-Verlag das Buch „Postheroische Helden. Ein Zeitbild“.

Buchkritik Ulrich Bröckling - Postheroische Helden. Ein Zeitbild

Hat die Gegenwart ein Heldenproblem? Ulrich Bröckling erforscht in seinem Essay „Postheroische Helden“ die Vielfalt von Heldenerzählungen und wie wir sie problematisieren.  mehr...

SWR2 lesenswert Kritik SWR2

Tagesgespräch Europaparlaments-Vizepräsidentin Barley: Ukraine und EU brauchen Reformen

Die Vizepräsidentin des Europaparlaments, Katarina Barley (SPD), betont, dass sich alle Länder der Europäischen Union einig darüber seien, dass die Ukraine in die EU aufgenommen werden soll. Im SWR2 Tagesgespräch sagt sie, dass der Weg dorthin allerdings noch weit sei: "Es besteht auch eine Einigkeit darüber, das der Beitritt selbst erst erfolgen kann, wenn alle Voraussetzungen erfüllt werden, die auch alle anderen Staaten erfüllen müssen." Bei allen Kriterien - politisch, wirtschaftlich und juristisch - sei noch sehr viel zu tun. Es müsse sich aber nicht nur die Ukraine verändern - auch die EU brauche Reformen. Die größte und sichtbarste Baustelle sei das Prinzip der Einstimmigkeit: "Es geht nicht, dass ein Land wie Ungarn wichtige Fragen blockiert aus ganz egoistischen und sehr fragwürdigen Motiven." Außerdem müsse die "veraltete Agrarpolitik" der Europäischen Union überdacht werden, wenn die Ukraine als sehr großes, landwirtschaftlich geprägtes Land in die EU eintrete.  mehr...

SWR2 Aktuell SWR2

Song des Monats Der Juni-Song von Lars Reichow: Stell Dir vor, es ist Krieg

Seit Beginn des brutalen russischen Angriffskriegs auf die Ukraine durchleben viele von uns eine unerträgliche Ohnmacht. Manche können die schrecklichen Nachrichten nicht mehr ertragen und schalten ab. Und Lars Reichow? Der wünscht sich einmal mehr, er könnte mit einem Lied ansingen gegen den Krieg und die Welt verändern...  mehr...

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

Gespräch Gerald Knaus: „Kandidatenstatus für die Ukraine darf nicht zur Warteschleife werden“

Die EU könne der Ukraine schneller und besser helfen als durch den Status als Beitrittskandidat, sagt der Migrationsforscher und Politikberater Gerald Knaus. Der Status sei zwar die richtige Entscheidung, aber: Anstatt die zermürbende Erfahrung einer jahrzehntelange Warteschleife von Ländern wie Nordmazedonien oder Bosnien zu wiederholen, könne die EU dem Land Zugang zu den vier Grundfreiheiten bieten: Freizügigkeit für Menschen, Waren, Dienstleistungen und Kapital. Das sei ein konkretes und erreichbares Ziel.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Marieluise Beck: Kein Verständnis in der Ukraine für deutsche Zurückhaltung

„Bittere Müdigkeit“ herrsche in der Ukraine angesichts der deutschen Zögerlichkeit bei Waffenlieferungen, sagt die ehemalige Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck. Sie ist kurz vor dem geplanten Besuch von Bundeskanzler Scholz in der Ukraine nach Charkiw und Kiew gereist.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Vor Scholz-Besuch in der Ukraine: Keine politische Aufarbeitung der Russlandpolitik in Sicht

Auch nach der Zeitenwende-Rede von Olaf Scholz sieht die Osteuropa-Historikerin Franziska Davies keine Verbesserung im deutschen Verhältnis zur Ukraine. In Deutschland fehle uns die Erfahrung, dass ein „Nie wieder Krieg“ manchmal auch mit Waffen verteidigt werden muss, sagt Davies anlässlich des geplanten Besuchs von Bundeskanzler Scholz in der Ukraine.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Wissen: Aula Krieg gegen die Ukraine – Darum ist Putins Denken autoritär, destruktiv und stalinistisch

Wie geht Putin mit Freiheit, Kreativität, mit Diversität um, alles Punkte, die moderne Unternehmen und Marktwirtschaften am Leben erhalten und die die Demokratie stützen.  mehr...

SWR2 Wissen: Aula SWR2

Gespräch Liane Bednarz: Ukrainer wissen, welche imperialen Gelüste Putin hat

„Die Mentalität der Ukrainer*innen ist sehr entschlossen, aber nicht verbissen“, sagt die Publizistin Liane Bednarz im Gespräch bei SWR2. Bednarz reist im Rahmen eines Programms des liberalen Mediennetzwerks „Freedom today“durch die Ukraine, um mit der Zivilgesellschaft vor Ort ins Gespräch zukommen.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Kultur Das Netzwerk Kulturgutschutz Ukraine will das kulturelle Gedächtnis retten

Beim Krieg in der Ukraine geht es nicht nur darum, Territorium zu erobern. Die Angriffe zielen auch auf die Identität der Ukraine. Mit Denkmälern und Kunstwerken sind ihr kulturelles Gedächtnis und einzigartige Museumsschätze in Gefahr. Das Netzwerk Kulturgutschutz Ukraine bietet praktische Hilfe: Beispielsweise schützt Brandschutzlack die berühmten Holzkirchen der Westukraine und Museumsstücke werden verpackt und in sichere Verstecke gebracht.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

STAND
INTERVIEW