Gedenktag 80 Jahre Deportation nach Theresienstadt

„Nie wieder!“: Der Stuttgarter Garry Fabian hat das KZ Theresienstadt überlebt

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Andreas Langen

Der Australier und gebürtige Stuttgarter Garry Fabian hat das KZ Theresienstadt überlebt. Seit Jahrzehnten bereist er die Welt, um über Holocaust und Krieg aufzuklären. In Stuttgart begeht er nun den 80. Jahrestag der großen Deportation nach Theresienstadt vom 21. August 1942. Über 1000 Menschen wurden damals deportiert, Überlebende gab es kaum. Die Botschaft des 88jährigen Garry Fabian: „Mein letztes Wort ist sehr einfach: Nie wieder!“

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Tochter motiviert zur Auseinandersetzung mit der Biografie

Garry Fabian machte jahrzehntelang keinerlei Aufhebens um seine dramatische Kindheit. Der gebürtige Stuttgarter war 1947 nach Australien emigriert und hatte dort rasch Fuß gefasst.

Fabian nahm die australische Staatsbürgerschaft an, leistete Wehrdienst, übernahm Ehrenämter in Kulturvereinen, hatte beruflichen Erfolg, heiratete und bekam zwei Töchter.

Garry Fabian, überlebender der Deportation nach Theresienstadt (Foto: Pressestelle, Kai Loges)
Gerry Fabian hält die Erinnerung an den Holocaust auch in seiner neuen Heimat Australien wach. Pressestelle Kai Loges

Aber dann brachte Carole, die ältere der beiden Töchter, ihren Vater dazu, sich von Grund auf mit seiner Biografie zu befassen. Mit 19 ging ich für ein Jahr nach Israel und kam dort in einen Kibbuz, den Überlebende von Theresienstadt gegründet hatten“, erzählt sie. „Ich wusste gerade mal, dass Daddy dort gewesen war, sonst nichts. Also schrieb ich ihm kistenweise Briefe: Warum hast du nichts davon erzählt, wann bist du dahin gegangen, was passierte mit dir?“

 99 von 100 Kindern in Theresienstadt starben

Garry Fabian wurde im Alter von acht Jahren ins KZ Theresienstadt verschleppt. Dort starben 99 von 100 Kindern - wegen Hunger, Krankheit, dem Terror der SS. Fabian hat das Jahre lang durchgemacht. Die Erinnerungen daran wieder hochzuholen muss ein Kraftakt sonder gleichen sein.

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Doch Garry Fabian winkt ab. „Ich bin Journalist. Es war nicht so schwer – es sind Gedanken, die man aufs Papier gibt.“ Es macht im ersten Moment sprachlos, wie lässig der 88-Jährige seine Leiden herunterspielt. Aber womöglich ist es eine kluge Art, dem Gegenüber Beklemmungen zu nehmen.

Aufklären über gestern und heute

Garrys jüngere Tochter Vicky erklärt, wie außergewöhnlich die Offenheit ihres Vaters sei: Es gibt sehr viele Holocaust-Überlebende bei uns in Melbourne. Die meisten von ihnen denken, Deutschland sei das Nazi-Land von vor 80 Jahren und auch ihre Kinder denken das. Es ist gut, dass Daddy eine Verbindung zum heutigen Deutschland herstellt. Ich wünschte, andere täten das gleiche.“

Fabian fühlt sich in Deutschland wohl

In Deutschland fühle er sich heute wie zu Hause, sagt Garry Fabian. Das mag mit den Erfahrungen zu tun haben, die er in aller Welt macht, wenn er über Krieg und Holocaust aufzuklären versucht.

„Der Unterschied zwischen Deutschland und Japan ist: In Deutschland wird es in Schulen gelernt, man spricht darüber. In Japan ist der Krieg nie passiert.“

Erinnerungen wach halten

Wobei Garry Fabian weit davon entfernt ist, dem Land der Täter und Vergangenheitsbewältiger Persilscheine auszustellen: „Mein Eindruck ist: die Regierung macht Monumente, aber es gibt keine echte Verbindung mehr zur Geschichte.“

Wenn aber die innere Verbindung zu den Verbrechen des Nationalsozialismus mit der Zeit abnimmt, dann wird lebendige Erinnerung immer wichtiger. Welche Formen wir dafür finden, wenn Zeitzeugen wie Garry Fabian nicht mehr da sind, ist unser aller Aufgabe. Die Botschaft aber ist klar: „Wenn man mich fragt: was ist dein letztes Wort? Es ist sehr einfach: Nie wieder! Das ist das Thema, das man weitergeben muss.“

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