Gespräch

Über Freiheit muss gestritten werden – Prof. Ulrike Ackermann plädiert für Debatten ohne Tabus

STAND
INTERVIEW
Doris Maull

Ob individuelle Einschränkungen durch Corona-Maßnahmen oder der Angriff auf westliche Liberalität mit dem Ukraine-Krieg: mehr oder weniger gefühlt ist unsere Freiheit stets in Gefahr. Über sie muss gesellschaftlich gestritten werden, sagt die Politikwissenschaftlerin Ulrike Ackermann. Und zwar ohne Tabus.

Audio herunterladen (7,1 MB | MP3)

Mit wenigen Begriffen hantieren wir Deutsche so gerne wie mit dem Wörtchen Freiheit. Auch dieser Tage wieder: Die einen reden von Freiheit, wenn es um den Protest gegen die Räumung von Lützerath oder den Klimawandel geht. Andere meinen damit das Abfeuern von Böllern und Feuerwerksraketen, auch wenn dabei Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst in Gefahr geraten.

Erstmals wirklich gefühlte Freiheitseinschränkungen

Gründe für die aktuell sehr vehemente und auch heterogene Berufung auf „Freiheit“ sieht die die Politikwissenschaftlerin und Direktorin des John Stuart Mill Instituts für Freiheitsforschung Professorin Ulrike Ackermann einerseits in den Nachwirkungen der Corona-Maßnahmen.

Durch sie hatten vor allen Dingen junge Menschen plötzlich mit Freiheitseinschränkungen zu tun, die sie noch nie am eigenen Leibe erlebt hatten: „Ausgangssperren, Reiseverbote, Einschränkungen der lebensweltlichen Freiheiten, wie wir sie lange gewöhnt sind und die nur in Diktaturen ausgesetzt sind. Sie wurden plötzlich eingeschränkt, und dann wurde das plötzlich fühlbar.“ Mit dem Krieg hat Putin zudem nicht nur die Ukraine angegriffen, sondern die westlichen Demokratien und ihren Liberalismus.

Debatten ohne Tabus

So kommt einiges zusammen: Die gefühlte Bedrohung der individuellen Freiheit, aber auch die Bedrohung der gesellschaftlichen Freiheit. Auch bei den militanten Klimaprotesten, die sich auf das Demonstrationsrecht berufen, dabei aber wiederum die Freiheiten anderer Bürger und Bürgerinnen einschränken, zeigt sich: In den gesellschaftlichen Konflikten kollidieren immer wieder auch unterschiedliche Freiheiten. „Darüber muss gestritten werden“, sagt Ulrike Ackermann, „auch ohne Tabus“.

Politische Meinungsfreiheit unter Druck

Was Ulrike Ackermann an den aktuellen gesellschaftlichen Debatten beunruhigt ist – die Untersuchungen des Stuart Mill Instituts zeigen dies –, dass die Bevölkerung den Eindruck hat, dass die politische Meinungsfreiheit unter Druck geraten ist. „Das muss uns natürlich sehr nachdenklich machen, wenn der Eindruck entsteht, dass ein Konformitätsdruck aufgebaut wird und bestimmte Dinge nicht mehr so ausgesprochen werden dürfen wie früher. Und das ist dann kein staatlicher Druck, sondern das ist ein sozialer Druck. Darüber müssen wir uns Gedanken machen. Was passiert hier eigentlich?“

Moralischer Druck für die gesellschaftliche Mehrheit

Paradoxerweise sorgen laut Ulrike Ackermann gesellschaftliche Minderheiten dafür, dass plötzlich eine Mehrheit der Gesellschaft unter moralischen Druck gerät. "Je mehr Antidiskriminierungs-Politik erfolgreich stattgefunden hat und benachteiligte Gruppen in ihren Rechten wieder eingesetzt worden sind, je mehr diese realen Emanzipationen von statten gegangen sind, desto intensiver kritisieren militante, kleine Gruppen kolonialistische, patriarchale und kapitalistische Unrechtsstrukturen."

Mehr zum Klimaaktivismus

Forum Letzte Generation – Wie weit darf der Klimaprotest gehen?

Norbert Lang diskutiert mit
Prof. Dr. Robin Celikates, Sozialphilosoph, Freie Universität Berlin
Alexander Kissler, Journalist und Autor
Theo Schnarr von der Letzten Generation, Doktorand der Biochemie in Greifswald

SWR2 Forum SWR2

Umstrittene Protest-Aktionen Letzte Generation: „Wegsperren der Aktivist*innen wird die Klimakrise auch nicht lösen“

Die radikalen Aktionen der „Letzen Generation“ polarisieren die Gesellschaft. Von Seiten der Politik werden die Töne zunehmend härter. Die Diskussion über die Legitimität der Proteste sei jedoch eine Ablenkungsdebatte, meint die Sprecherin Aimée van Baalen im Gespräch mit SWR2.

SWR2 am Morgen SWR2

Sprachbewusstsein fördern „Klimaterroristen“ ist Unwort des Jahres 2022

Das Unwort des Jahres 2022 lautet „Klimaterroristen“, weil er Klimaaktivist*innen mit Terrorist*innen gleichgesetze und dadurch ihren Protest diskreditiere. Eine Renaissance erlebt der Begriff „Sozialtourismus“ auf Platz 2: Er schaffte es bereits 2013 zum Unwort des Jahres. Auf dem dritten Platz landet der Ausdruck „defensive Architektur“.

Freiheitsbeschränkung durch Corona

Gespräch Verschiebe Deine Jugend – Was Corona den Jungen raubt

Von wegen sorglose Superspreader! Jetzt redet die Generation Corona: Lea Frank und Jacov Gothe sind im Jugendbeirat Mannheim und berichten, was die Jungen im Coronajahr bewegt.

SWR2 Tandem SWR2

Diskussion Eine Dosis Freiheit – Der Streit um Grundrechte für Geimpfte

Millionen Deutsche sind bereits gegen das Corona-Virus geimpft oder durch eine Ansteckung immunisiert. Müssen sie aus Solidarität mit Nicht-Geimpften weiter auf ihre Grundrechte verzichten? Warum zögert die Politik so lange mit klaren Regelungen? Wird am Ende das Verfassungsgericht entscheiden? Und wie lebt es sich in einer Gesellschaft, in der Freiheitsrechte vom Impf- und Immunitätsstatus der Bürgerinnen und Bürger abhängen? Lukas Meyer-Blankenburg diskutiert mit Prof. Dr. Marie-Luisa Frick - Rechtsphilosophin, Universität Innsbruck, Prof. Dr. Wolfram Henn - Medizinethiker, Universität des Saarlandes,
Dr. René Schlott - Historiker und Publizist, Berlin

SWR2 Forum SWR2

Diskussion Die neue Normalität – Werden wir Corona wieder los?

Deutschland macht sich locker: Nach zwei Jahren im Ausnahmezustand werden ab Sonntag viele Corona-Maßnahmen aufgehoben. Der 20. März, ein Tag der Freiheit, ein Tag der Freude? Die fünfte Welle rollt gerade über das Land, die Zahl der Infektionen geht steil nach oben, erreicht Rekordwerte. Kann man in so einer Situation wirklich lockern? In welche Art von Normalität kehren wir da zurück? Michael Risel diskutiert mit Dr. Christina Berndt – Wissenschaftsjournalistin, Süddeutsche Zeitung, Prof. Dr. Christoph Lütge – Wirtschaftsethiker, TU München, Prof. Dr. Klaus Stöhr – Virologe und Epidemiologe

SWR2 Forum SWR2

Jahresrückblick 2022 Wir – ganz anders? Der öffentliche Diskurs

Über Gendern, Postkolonialismus und Diversität reden wir im Dezember ähnlich wie im Januar. Aber es sind Debatten dazu gekommen: Wer hätte gedacht, dass liberale Intellektuelle der Friede in Europa wichtiger ist als die Freiheit? Oder dass die Beschädigung von Kunst als Protest gegen den Klimawandel Applaus ernten würde. Die Krisen sind mehr geworden – und mit ihnen die Verwirrung, was und wie wir in einer Demokratie debattieren müssen.
Von Lukas Hammerstein

SWR2 am Morgen SWR2

MusikGlobal Frauen, Leben, Freiheit – Revolte im Iran

Die Sängerinnen Mahsa Vahdat und Marjan Vahdat im Gespräch mit Marlene Küster

SWR2 MusikGlobal SWR2

STAND
INTERVIEW
Doris Maull