Kulturmedienschau

Twitter läuft noch – aber wie lange? | 21.11.2022

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Kristine Harthauer

Noch läuft Twitter. Aber seit Tagen trenden auf der Plattform Hashtags wie #RIPTwitter und #TwitterDown. Der Grund: Es könnte bald niemanden mehr geben, der Twitter am Laufen hält, nachdem massenhaft Mitarbeitende entweder gefeuert worden sind oder gekündigt haben. Dazu kommt, dass der Account des wohl prominentesten Power-Users wieder freigeschaltet ist: Donald Trump. Das beschäftigt nicht nur das Netz, sondern auch die Feuilleton-Seiten der Tageszeitungen.

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Musk hat eine Vision – nur leider die falsche

Konzernchef Elon Musk hatte seinen Mitarbeitenden ein Ultimatum gestellt, berichtet die Süddeutsche Zeitung: Aussteigen oder bleiben und mehr als Tausend scheinen sich fürs Abhauen entschieden zu haben. In der Selbstzerfleischung deutet nichts darauf hin, Musk habe eine Vision für die Plattform, die er für 44 Milliarden Dollar übernommen hat. Doch das stimmt nicht: Er hat eine Vision. Nur leider die falsche, meint die SZ.

Es ist die Vision, die auch Mark Zuckerberg schon hatte. In einem seiner vielen Manifeste schreibt der Facebook-Gründer, der Verdienst seiner sozialen Plattformen bestehe darin, Menschen im „digitalen Äquivalent eines Stadtplatzes“ zusammengeführt zu haben. Dem pflichtete Musk kürzlich bei. Darum habe er Twitter ja überhaupt erst gekauft. In der Formel stecke eine verklärte Idee, so die SZ.

Twitter gleicht einem „Stadion voller Menschen mit Megaphonen“

Das sieht der Internetaktivist und Hacker Frank Rieger anders und zerlegt die Netzutopie des „globalen Dorfes“:  Das Internet sei schlichtweg zu groß für einen Marktplatz, auf dem alle gesittet debattieren, schreibt er in seiner Netz-Kolumne. Es gleiche eher einem „Stadion voller Menschen mit Megaphonen“.

Sein Vorschlag: „Lasst uns mehr Filterblasen wagen. Mehr kleinere, gemütliche, überschaubare digitale Räume aufbauen.“ Als Vorbild könnte das „Fediverse“ dienen, die Struktur hinter der Twitter-Alternative Mastodon: Sie begreift sich als Föderation aus vielen tausend Servern und Communities, die jeweils über eigene Regeln und ein eigenes soziales Umfeld verfügen.

Mastodon ist damit ein Gegenmodell zum Dorfplatz: ein soziales Netzwerk, das in verschiedene Kieze ohne ein Zentrum zerfällt. Die Communities sind homogener, der Austausch in ihnen ziviler, womöglich konstruktiver. Ein reizvolles Modell – denn Elon Musks libertäre Demokratie-Fantasie, der Dorfplatz, gehört dem Mob, so die Süddeutsche Zeitung.

Donald Trump ist zurück auf Twitter

Wenn man diese Tage über Twitter spricht, kommt man nicht umhin, den Posterboy des Kurznachrichtendienstes zu erwähnen: Donald Trump.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt: „Trump ist zurück, wenn er will. Noch vermittelt der frühere Präsident den Eindruck, er habe Twitter nicht nötig, weil sein eigenes Netzwerk ,Truth Social‘ so gut laufe. In einer 24-Stunden-Schnellumfrage hatten Twitter-Nutzer abgestimmt, ob Trump zu Twitter zurückkehren solle oder nicht. 51,8 Prozent stimmten zu Trumps Comeback. Aber: Es hatten auch nur rund 15 Millionen Nutzer teilgenommen, von mehr als 230 Millionen täglichen Nutzern. In den Augen von Musk reicht das aus, denn das Volk habe gesprochen.“

Netzvordenker Jaron Lanier diagnostiziert eine „Twitter-Vergiftung“

Die FAZ meint: Die Maskerade spricht dafür, dass der Raketenunternehmer mit dem früheren Präsidenten das Verständnis für gelenkte Demokratie teilt.

Doch nach Ansicht des Netzvordenkers Jaron Lanier haben die beiden vor allem eines gemeinsam: Sie leiden an „Twitter-Vergiftung“. Die Belohnung im Netz ist bekanntlich die totale Aufmerksamkeit. Wer davon abhängig ist, meint Lanier, kann wie ein Alkoholiker oder Junkie vom Stoff nicht lassen, regrediert zum ewig beleidigten Kind, kennt nur sein eigenes, verabsolutiertes Ego.

SZ-Netzkolumne fragt nach dem öffentlichen Erbe von Twitter

Die SZ-Netzkolumne überlegt derweil, was von Twitter noch zu retten ist: Die Bibliothek des US-Kongresses hatte es sich einmal zur Mission gemacht, Twitter in seiner Gänze zu archivieren. Das Projekt startete 2010. 2017 schließlich gaben die Archivare bekannt, das Projekt einzustellen. Zu groß war die Flutwelle, die täglich gespeichert werden musste. Seitdem beschränkt man sich in der Bibliothek auf ausgewählte Inhalte.

Die Öffentlichkeit hat einmal mehr das Problem, dass der öffentliche Diskurs auf den Servern eines privaten Unternehmens gespeichert wird. Doch handle es sich bei Twitter um ein zeitgeschichtliches Dokument, das in Echtzeit die großen Konflikte abbildet. Hier wurden Aufstände geplant, Kriegsverbrechen dokumentiert und Frontverläufe gekennzeichnet. Bedeutende Inhalten aus den letzten 16 Jahren, die den Historikern von morgen helfen könnten, die Welt von heute zu verstehen, so die SZ.  

Soziale Medien Elon Musk und Twitter: Was wird aus dem Kurznachrichtendienst?

Die Twitter-Übernahme durch Elon Musk schlägt immer höhere Wellen. Seit sich der Tech-Milliardär vor den amerikanischen Midterm-Elections klar für eine Wahl der Republikaner ausgesprochen hat, steigt die Angst vor einer Vereinnahmung des Kurznachrichtendienstes durch rechte Gruppierungen und vor gezielten Desinformationskampagnen. Zahlreiche Twitter-Mitarbeitende verlassen das Unternehmen und nach einem Tweet von Elon Musk wird gar das Ende der Plattform diskutiert.
Eine Zusammenfassung der dynamischen Lage.  mehr...

Gespräch Elon Musk kauft Twitter: Was plant der reichste Mann der Welt?

„Ich bin sehr unsicher, wie es mit Twitter weitergehen wird“, sagt Adrian Daub, Autor und Experte für das Silicon Valley. Am Donnerstag endete die monatelange Übernahme-Kampagne mit dem Verkauf des Social Media-Unternehmens an den reichsten Mann der Welt. Musks Aussagen zur Zukunft von Twitter seien widersprüchlich. Mal propagiere er absolute Rede- und Meinungsfreiheit, mal wolle er doch eine moderierte Plattform. Ob das Geschäftsmodell Twitter den Wandel zu einer „free speech“-Plattform überhaupt aushalten würde, sei fraglich, erklärt Daub. Da spielten die externen Kreditgeber eine Rolle, die Musk für den Kauf an Bord holen musste, vor allem aber Werbekunden. Denn wer wolle noch auf Twitter für seine Produkte werben, wenn die Anzeigen neben Hassrede und Lügen stünden?
Sollte Musk seine Haltung zur Redefreiheit dennoch auf Twitter umsetzen, könne das allerdings Folgen haben. Im Zentrum steht dabei der US-amerikanische Wahlkampf und Donald Trump: Dessen Rückkehr zu Twitter steht jetzt umso mehr zur Debatte, genauso wie die Zwischenwahlen im November.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

das ARD radiofeature Digitale Demagogie – Rechte Radikalisierung und Hetze im Netz

Zuletzt hat Twitter den Account von Donald Trump gesperrt. Ist das die Lösung? Hass und Hetze verbreiten sich rasant – was sind die Folgen für deren Opfer, für Gesellschaft und Demokratie?  mehr...

SWR2 Feature SWR2

Gespräch Twitter-Alternative mit Retro-Charme: Mastodon ist dezentral und föderal

„Die Twitter-Alternative Mastodon wird nicht von einem großen Anbieter gelenkt, sondern besteht aus vielen kleinen Servern“, so SWR2 Reporter Christian Batzlen. Dahinter stecke die Idee eines dezentralen Netzwerks. So könne kein zweiter Elon Musk dieses Netzwerk kaufen.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Kulturmedienschau Elon Musk gibt Wahlempfehlung für Republikaner | 8.11.2022

Kurz vor den Midterm-Wahlen in den USA hat Twitter-Chef Elon Musk eine Wahlempfehlung für die US-Republikaner gegeben. Und: „Geheimsache Katar“, eine ZDF-Doku untersucht die Hintergründe zur Fußball-WM.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Diskussion Musks Übernahme – Wird Twitter zur Gefahr für die Demokratie?

Er will den Welthunger bekämpfen, den Weltraum erobern und jetzt auch noch die Demokratie retten: Elon Musk, der reichste Mensch der Welt, kauft sich mit Twitter sein privates Netzwerk, um daraus eine „inklusive Arena der freien Meinungsäußerung“ zu machen. Echte Debatte statt Zensur durch den linksliberalen Zeitgeist, das schwebt dem Milliardär aus dem Silicon Valley vor. Ein notwendiger Beitrag zur Diskussionskultur oder droht eine gefährliche Enthemmung, wie viele befürchten? Wo liegen die Grenzen des Sagbaren im digitalen Raum? Und wer soll darüber bestimmen? Michael Risel diskutiert mit
Ingrid Brodnig – Autorin und Journalistin, Wien, Prof. Dr. Leonhard Dobusch –Wirtschaftswissenschaftler, Universität Innsbruck, Dr. Hendrik Wieduwilt – Autor und Kommunikationsberater, Berlin  mehr...

SWR2 Forum SWR2

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Kristine Harthauer