Twitter-Icon mit Finger, spiegelndes Display (Foto: IMAGO, IMAGO / imagebroker)

Soziale Medien

Tweets der FDP profitieren am meisten: Deutsche Politiker*innen und der Twitter-Algorithmus

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Ist das deutsche Twitter nur auf Empörung und politische Schock-Botschaften vom rechten Rand aus? Jein, hat nun eine Studie des Kurznachrichtendienstes ergeben: Denn, in Deutschland werden – im Gegensatz zu den ebenfalls untersuchten sechs anderen Industrienationen — die Tweets von konservativen Politiker*innen nicht häufiger als andere vom Algorithmus ausgespielt. Woran das genau liegt, muss noch untersucht werden.

Christian Lindner (FDP-Kanzlerkandidat) bei seinem Besuch im Wiehenstadion in RödinghausenNRW mit seinem Smartphone. (Foto: IMAGO, IMAGO / Kirchner-Media)
Stabiler Twitter-Grind: Christian Lindner und die FDP werden in Deutschland vom Twitter-Algorithmus gefördert, hat eine Studie ergeben. IMAGO / Kirchner-Media

Die Mär vom „links-grün-versifften“ Twitter

Die am 21. Oktober veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass der Twitter-Algorithmus die untersuchten Tweets von gewählten politischen Vertreter*innen aus dem Mitte-rechts und rechten Spektrum in Kanada, Frankreich, Japan Spanien, dem Vereinigten Königreich und den USA mehr Leuten anzeigte, als die ihrer linken oder Mitte-links-Kolleg*innen. Deutschland, wo Tweets von Bundestagsmitgliedern untersucht wurden, sticht hier als große Ausnahme heraus.  

Der Einfluss des Twitter-Algorithmus

Untersucht wurden Tweets aus dem Zeitraum vom 1. April bis 15. August 2020 von gewählten politischen Vertreter*innen aus Kanada, Frankreich, Deutschland, Japan, Spanien, dem Vereinigten Königreich und den USA. Dabei wurden nur die Aufrufe gezählt, die auch tatsächlich aus dem Land stammen, in dem die Politiker*innen aktiv sind. Insbesondere interessierte die von Twitter beauftragte sechsköpfige Forscher-Gruppe, inwiefern die untersuchten Tweets auf dem Algorithmus-generierten „Home Feed“ bei mehr Menschen ausgespielt wurden als in der klassischen, chronologischen Timeline.

Auch rechte US-Medien werden weiter verbreitet

In einem zweiten Teil untersuchte die Twitter-Studie außerdem die Verbreitung von Politik-Nachrichten-Links auf der Plattform – dabei jedoch gezielt auf den US-Markt beschränkt und auf ausgewählte, für das politische Spektrum im Land repräsentative Medien. Für diesen Teil wurde auf eine Medien-Einordnung durch die US-Unternehmen AdFontes Media und AllSides zurückgegriffen, die sich auf die politische Analyse der US-Medienbranche spezialisiert haben.

Dabei wurde auch deutlich, dass Links auf politisch eher rechts stehende, konservative Medien häufiger vom Algorithmus angezeigt wurden als links-orientierte. Trotzdem gab es auch hier ein Spektrum — das auch zeigte, dass am rechten Rand „Breitbart News“ deutlich weniger gepusht wurde als „The Gateway Pundit“ oder die „New York Post“. Bei der Verbreitung von Links auf Nachrichten-Artikel wurde auch deutlich, dass der Algorithmus teilweise Medien (geringfügig) abstrafen konnte und die Tweets seltener ausspielte als in der chronologischen Timeline.

Ein älterer Mann mit vernarbtem, verlebtem Gesicht und längeren grauen Haaren, die er nach hinten streicht. (Foto: IMAGO, IMAGO / Gonzales Photo)
Der ehemalige Trump-Berater Steve Bannon war 2007 einer der Mitgründer des Medienportals „Breitbart News“. Er bezeichnete es 2016 als „Plattform der Alt-Right“. IMAGO / Gonzales Photo

Unterschiede zwischen Medien und Parteien

Während bei den Politiker*innen-Tweets — mit Ausnahme von Deutschland — vor allem die gemäßigten konservativen Parteien vom Algorithmus profitierten, wurden bei den US-Medienunternehmen wiederum die links und rechts des Mainstreams stärker durch den Algorithmus gefördert.

Bemerkenswert ist außerdem, wie die Zahlen von Spanien und Frankreich nochmal deutlich machen, dass es nicht die extremen Parteien sind, also zum Beispiel „Vox“ oder das „Rassemblement National“, die durch den Algorithmus eine Steigerung erfahren, sondern die großen konservativen Parteien, die eher als gemäßigt anzusehen sind.

Der Anfang einer breit angelegten Untersuchung

Was die Auswertung dieser ersten Ergebnisse angeht, ist man bei Twitter noch vorsichtig. Die leitende Software-Ingenieurin Rumman Chowdhury erklärte zusammen mit dem Forscher Luca Belli in einem Blogpost, dass diese Einflussnahme des Algorithmus „problematisch“ sein könne. Nun gelte es jedoch weiter zu forschen und herauszufinden, ob dies lediglich an den Interaktionen der Nutzer*innen mit den Tweets liege oder am Algorithmus an sich. Nur in diesem Fall müsse er geändert werden.

Eine Erklärung dafür, warum rechte Inhalte oder Positionen auf Twitter bevorzugt vom Algorithmus ausgespielt werden, könnte sein, dass sie auf sozialen Medien stärker polarisieren — und deshalb häufigere Interaktionen wie Kommentare, Retweets oder Likes hervorrufen. Dieses verstärkte Engagement könnte ihnen im Bezug auf den Algorithmus von Vorteil sein. Ähnliche Erkenntnisse gab und gibt auch schon im Bezug auf den Facebook-Algorithmus.

Screenshot von Donald Trumps Twitter-Account. Im Bild steht: „GREATEST ELECTION FRAUD IN THE HISTORY OF OUR COUNTRY!“ (Foto: IMAGO, IMAGO / Arnulf Hettrich)
Die Eskalation mit dem ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump führte dazu, dass der frenetische Twitterer endgültig vom Kurznachrichtendienst verbannt wurde. IMAGO / Arnulf Hettrich

Ist das NetzDG doch ein Erfolg?

In diesem Fall, so vermutet das Internetportal The Verge, könnte ein Grund für die „deutsche Ausnahme“ sein, dass in Deutschland durch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) nur selten langfristig Hassrede, die bekanntermaßen polarisiert, über Politiker*innen-Accounts verbreitet werden kann. Im NetzDG ist geregelt, dass soziale Medien wie Twitter und Facebook auf Beschwerden über Hasskriminalität und strafbare Inhalte in gesetzlich geregelten Fristen reagieren müssen. Bei klar strafbaren Inhalten müssen diese innerhalb von 24 Stunden von der Plattform gelöscht werden.

Netzaktivist Padeluun vom Verein Digitalcourage sieht das kritisch: Er vermutet, dass diese angebliche Ausnahme in Deutschland auch wegen der laufenden Koalitionsverhandlungen zur Netzregulierung verkündet wurde — „damit soll eine starke Regulierung verhindert werden“. Das Problem der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft durch soziale Medien sei nur über Regulierung und Verbote in den Griff zu bekommen. Grundliegend seien nämlich nicht die Algorithmen, sondern gesellschaftliche Mechanismen, die man mit sozialen Medien nicht in den Griff bekomme.

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Twitter kündigt — ein bisschen — Transparenz an

Twitter hat bereits angekündigt seine Daten aus der Studie der Wissenschaft zur Verfügung stellen zu wollen. Damit stellt man sich symbolisch auch gegen die von Facebook bisher betriebene Politik, sämtliche Auswertungen über möglicherweise negative Effekte intern zu halten. Allerdings sollen vorerst „aus Datenschutzgründen“ nur bestimmte Zugriffe erteilt werden, nach einer Lösung für einen besseren wissenschaftlichen Zugang werde derzeit noch gesucht.

Gespräch Nicht Algorithmus, sondern Mechanismus: Rechte Inhalte werden im Netz stark gepusht

„Auch ganz ohne Algorithmen ist all das, was Dummheit ist, wo widersprochen werden muss, wo Leute sich drüber aufregen, wird gepuscht. Das ist das Wesen der Aufmerksamkeitsökonomie“, sagt Padeluun, Künstler und Netzaktivist vom Grundrechte- und Datenschutzverein „Digitalcourage“.
Linke Themen hätten leider nicht so viel Polterpotential, weil da viel Konsens bestehen würde. Auf die Frage, was das Aussage über die Nutzer, wenn rechte Inhalte und rechte Akteure stärker im Netz geklickt werden würden, meint Padeluun, das werfe ein Licht auf die mangelnde Medienkompetenz der Nutzer. Immer wieder würde man sich von „Trollereien antriggern“ lassen, da hätten wir alle noch viel an Medienkompetenzübungen zu machen. Und die meisten hätten das Problem auch noch nicht erkannt.
Deutschland sei angeblich laut Twitter das einzige von sieben untersuchten Ländern, in dem es auf Twitter keine „rechte Algorithmus-Logik“ gäbe. Warum Twitter das gerade jetzt verkünde, hänge, meint Padeluun mit den derzeitigen Koalitionsverhandlungen über Netzregulierung zusammen. Twitter wolle verhindern, dass eine starke Regulierung komme. Und nicht stark zu regulieren, davor könne er die Verhandler nur warnen. „Das betrifft nicht nur Twitter. Das betrifft in besonderem Maße Twitch und Instagramm und Facebook. Da muss extrem hart reguliert werden, in meinen Augen sogar diese Art von Medien komplett verboten werden. Denn es sind nicht Algorithmen, die die Gesellschaft an der Stelle kaputt machen, sondern es sind die Mechanismen, die mit dieser Art Medien nicht in Griff zu bekommen sind,“ so Padeluun.  mehr...

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