Kulturmedienschau

Tod des Wimmelbuch-Schöpfers Ali Mitgutsch: „Es passiert um dich unendlich viel Schönes“ | 12.1.2022

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Kinderbücher kommen auch ohne Worte aus, das hat er bewiesen: Nun ist Alfons „Ali“ Mitgutsch, der Erfinder der Wimmelbücher, am 10. Januar 2022 .mit 86 Jahren in München verstorben Seine Alltagsgeschichten aus dem Schwimmbad, vom Bauernhof, aus den Bergen oder der Stadt haben sich weltweit mehr als acht Millionen Mal verkauft.

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Triumphgefühle beim Geschichten entdecken

„Triumphgefühle, wenn man auch nach dem gefühlt tausendsten Durchblättern seiner Bilderbücher noch etwas Neues entdeckte: Da! Vor der Blaskapelle steht ein Junge und beißt in eine Zitrone hinein, damit sie schlechter spielen! Hihi, bei der Umkleidekabine am Strand ist eine Türe offen, man sieht den nackten Hintern eines Mannes.“

An diesen Triumph beim Entdecken der allerkleinsten Details erinnert sich hier die Süddeutsche Zeitung: In den legendär gewordenen Wimmelbüchern des nun verstorbenen Ali Mitgutsch sei in jeder Ecke was los, und doch liege über allem eine Grundfreundlichkeit und Menschenliebe. So sei er auch persönlich gewesen, glaubt die SZ-Autorin Mareen Linnartz: „ein begnadeter zeichnender Erzähler, liebevoll und humorvoll zugleich.“

Fantasie als Ausweg aus einer „beschissenen Kindheit“

Dabei hatte Mitgutsch eine „beschissene Kindheit“, wie er das einmal ausgedrückt hat: 1935 geboren, aufgewachsen im Kriegs- und Nachkriegsmünchen, sein Bruder fällt im Krieg, Ali wird von anderen gehänselt und ist viel alleine unterwegs.

„Ich hatte keine Freunde und hatte keine Abenteuer, die ich selber erlebt habe, da hab ich mir zwei Freunde erfunden, einen großen starken, einen kleinen frechen, dass ich ein so genaues Gefühl entwickelt hatte, was bei Kindern ankommt, was sie lieben, unter was sie leiden, diese Erinnerung war bei mir sicher stärker als bei einem Durchschnittskind, das wurde mir später zu meinem Plus“, erzählt Ali Mitgutsch in einem Interview mit dem Ravensburger Verlag, der 1968 sein allererstes Wimmelbuch „Rundherum in meiner Stadt“ veröffentlicht.

Kinder dürfen ausbrechen

Mit der autoritären Erziehung, die sich auch in der Literatur seiner Zeit niedergeschlagen hatte, brach Mitgutsch, so beschrieb es einmal der Schriftsteller Peter Härtling. Und auch die SZ findet: „Die Kinder bei Ali Mitgutsch sind Kinder, die sich um wenig richtig scheren, im allerbesten Sinne.

Sie sind frech, strecken die Zunge raus, machen Streiche. Bei Mitgutsch rutschten Polizisten auch mal auf einer Bananenschale aus und latschten Erwachsene in Kuhfladen und stellten sich überhaupt bisweilen komisch an. Sein Blick für das Alltägliche und Absurde hat ihn ausgezeichnet.“

Die Welt entdecken

„Die ganzen Hauptthemen, Stadt, Land, Küste, Wasser, Gebirge, die habe ich zuerst einmal abgehandelt, weil das das Leben ist, das die Kinder kennen, dass man zeigt, du bist kein armes Schwein, das heute lebt, sondern es passiert um dich unendlich viel Interessantes und Schönes, du musst es bloß sehen.“

Und es haben viele gesehen, viele heute groß gewordene Kinder lassen den Toten mit seinem optischen Markenzeichen, dem orientalisch anmutenden Käppchen, noch einmal hochleben. Auf Twitter fragen sie sich nach ihren Lieblings-Wimmelbildern. Und da man bei ihm die Welt immer von oben betrachtet, liegt es nahe, was ihm viele wünschen: dass er von oben eine gute Sicht auf uns hier unten hat.

Viele Fans in jeder Altersstufe

Ein Nutzer wünscht sich: „Hoffentlich gibt’s irgendwo einen völlig chaotischen Friedhof, auf dem man eigentlich nichts und niemanden sofort findet, da würde Ali Mitgutsch sich sicher wohlfühlen.“ Und auch manch prominentes Gesicht outet sich als Fan.

Ali Mitgutsch ist tot. Ich habe ihn geliebt, obwohl meine Eltern die Nackedeis im FFK-Bild dezent übermalt hatten https://t.co/6qGUejLPt2

Ali Mitgutsch @RavensburgerBVL ist tot, er wurde 86 Jahre alt. Generationen von Kindern lieben seine tollen Wimmelbücher. „Rundherum in meiner Stadt", 1968 erschienen, gehört zur „literarischen Grundausstattung“ jedes Kindergartenkinds. Mitgutschs kindlicher Blick wird uns fehlen https://t.co/xYsLgR2Yfr

Ich habe mit meinen Kindern sicher Stunden vor seinen Wimmelbüchern verbracht, wahrscheinlich waren es Tage. Ali Mitgutsch ist tot. RIP

Limonadenbaum – Der SWR2 Kinderbuchpodcast Hier is‘ was los - Wimmelbücher!

Heute wird’s voll und herrlich unübersichtlich im Limonadenbaum: Anja und Theresa bringen ihre aktuellen Lieblingswimmelbücher mit und sprechen mit einer Wimmelbuchexpertin über den Erfolg dieses besonderen Kinderbuch-Genres. Natürlich gibt’s auch einen Blick auf die Klassiker von Ali Mitgutsch bis Rotraud Susanne Berner.  mehr...

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