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„Was bleibt ist das Volk. Schaut euch in Zukunft genau an, wer das Volk ist!“, heißt es am Ende des 24-seitigen Pamphlets, das der Mörder im Internet veröffentlicht hat. Der Täter von Hanau hatte eine Internetseite und Kontakt zu Personen, denen er seine Vorstellungen erzählte. Der Polizei und dem hessischen Landeskriminalamt stehen daher unangenehme Untersuchungen bevor – so viel muss sicher sein. Hier hat ein hoch gerüsteter Staat bei der elementaren Aufgabe versagt, seine Bürger zu schützen. Entsetzen zu äußern, ist zu wenig.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
6:00 Uhr
Sender
SWR2

Es herrscht Entsetzen im Land. Natürlich. Es wäre schlimm, würde es ausbleiben. Die Produktion von Abscheu ist eine Selbstverständlichkeit. Unser politisches System produziert sie fast aus dem Stehgreif.

Lange Reihe rechtsextremistischer Gewalttaten

Ich frage mich warum. Haben wir zu viel Übung – also auch zu viele solcher Taten? Wann war der Anschlag auf die Synagoge in Halle? Vor ein paar Wochen. Wann starb der Kasseler Regierungspräsident Lübcke? Im Sommer letzten Jahres. Wann war das eigentlich mit dem so genannten NSU? Und – und – und.

Stopp! Bin ich jetzt zu schnell bei der Hand mit der Verortung des Täters von Hanau? Der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen schrieb über das Blutbad gestern den Satz – Zitat: „Das ist weder rechter noch linker Terror. Das ist die wahrhafte Tat eines Irren.“

Braune Suppe

Das 24-seitige Pamphlet, das der Mörder im Internet veröffentlicht hat, liest sich so. Indes zwar so, dass man auf einen schweren Fall von Irrsinn tippt. Zieht man Verfolgungswahn aber ab, bleibt in der Substanz etwas übrig, was man nur als braune Suppe bezeichnen kann.

„Menschen kommen und gehen. Was bleibt ist das Volk. Schaut euch in Zukunft genau an, wer das Volk ist!“, heißt es da am Ende.

Was Wunder, dass sich die AfD damit nicht in einen Topf geworfen sehen will. Diese Flucht funktioniert aber nur, bis Herr Höcke seine nächste giftschäumende Rede hält oder Frau Weidel den Monolog von den „Schleiermädchen“ im Plenum des Bundestags wiederholt.

Wer mit den Ideen des 19.Jahrhunderts die Klippen der Gegenwart umschiffen will, sollte sich in kritischen Momenten nicht aus dem Staub machen dürfen.

Staat versagt beim Schutz der Bürger*innen

Ich meine: Bei distanzierter Betrachtung waren auch diese Manöver des Leugnens absehbar. Viel nachdenklicher macht mich die Unfähigkeit der Sicherheitsstrukturen im Land, solche Taten zu verhindern. Es mag sein, dass dies bei Einzelpersonen, die keiner größeren Gruppe anhängen, besonders schwierig ist. Doch der Täter von Hanau hatte eine eigene Internetseite und Kontakt zu Personen, denen er seine abstrusen Vorstellungen erzählte.

Der Polizei und dem hessischen Landeskriminalamt stehen daher unangenehme Untersuchungen bevor – so viel muss sicher sein. Hier hat ein hoch gerüsteter Staat bei der elementaren Aufgabe versagt, seine Bürger zu schützen.

Nein, genauer: Angehörige von Minderheiten, von denen man weiß, wie sie angefeindet und drangsaliert werden, vor Fanatikern, denen ein historisches Debakel mit Rasse, Volk und Raum offenbar noch nicht genügt.

„Der Feind steht rechts“

Die Bundesrepublik hat seit ihrer Gründung leider auch eine Geschichte systematischen Versagens im Kampf gegen den Terrorismus von rechts. Sie hat sich auf diese Weise am Tod von Dutzenden Menschen mit schuldig gemacht.

„Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts!“ – das rief Joseph Wirth, Politiker der Zentrumspartei und Reichskanzler 1922, als der Reichstag über die Ermordung des jüdischen Außenministers Walther Rathenau debattierte.

Es hieß immer, Bonn sei nicht Weimar – aber die Berliner Republik ist nicht mehr die von Bonn. Die Stimmung im Land ist eine andere, dunklere, bösere. Ja - es herrscht Entsetzen im Land. Und es wäre schlimm, wenn es nur dabei bliebe.

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