Offenburg Sylvia Cohn: "Ich sag Euch, es ist Mord" - Gedichte aus dem Lager

Stolperstein in der Wilhelm Str. 15

Der 22.10.1940, ein Tag des Schreckens: 6.500 Juden in Baden und der Saarpfalz werden gezwungen, innerhalb einer Stunde zu packen und ihre Heimat zu verlassen. Die Dichterin Sylvia Cohn ist eine von ihnen. Nicht nur die Ungewissheit, wohin sie gebracht wird, ist erdrückend. Noch größer ist die Sorge um ihre zwei jüngeren Kinder, die in der jüdischen Schule in Freiburg sind, und um ihre Älteste, die 13-jährige Esther in München.

Sylvia aufgenommen im Jahr 1916 als junge Frau (Foto: Stadtarchiv Offenburg, Eva Mendelsson -)
Sylvia Cohn 1916 Stadtarchiv Offenburg, Eva Mendelsson -

Kurzbiografie:

Sylvia Cohn (*5.5.1904) ist die Tochter eines Offenburger Weingroßhändlers. 1925 heiratet sie Eduard Cohn, einen Handelsvertreter. Das Ehepaar bekommt drei Töchter. Sylvia Cohn engagiert sich in der jüdischen Gemeinde, ihr Mann ist Vorsitzender der Zionistischen Ortsgruppe Offenburg.

Am 9.11.1938, der Reichspogromnacht, wird er wie alle jüdischen Männer der Stadt nach Dachau deportiert und nur unter der Bedingung freigelassen, dass er Deutschland so schnell wie möglich verlässt. 1939 kann er nach England emigrieren und will die Familie nachholen. Doch der Kriegsausbruch durchkreuzt diese Pläne.

Deportation in das Internierungslager Gurs

das letzte Bild von Sylvia Cohn (Foto: Archiv Eva Mendelsson -)
Das letzte Bild von Sylvia Cohn im Lager Rivesaltes in Vichyfrankreich, ca. 1942 Archiv Eva Mendelsson -

Sylvia Cohn und die beiden jüngeren Töchter Miriam und Eva werden am 22.10.1940 nach Gurs in den Pyrenäen verschleppt. Die älteste Tochter Esther lebt in einem Münchener Kinderheim bis zu ihrer Deportation nach Theresienstadt und Auschwitz. Am 13. September 1942 wird Sylvia Cohn nach Drancy gebracht, am 16. September weiter nach Auschwitz. Sie stirbt dort 12 Tage nach ihrer Ankunft – zwei Jahre vor ihrer Tochter Esther, die im Oktober 1944 vergast wird. Die Töchter Eva und Miriam überleben in der Schweiz.

"Wie soll ich das verstehen?" – die Dichterin Sylvia Cohn

Mit 15 Jahren beginnt Sylvia Cohn, Gedichte zu schreiben. Seit den ersten großen Schicksalsschlägen – der Kinderlähmung der ältesten Tochter, dem Aufkommen des Nationalsozialismus – verdunkelt sich der Ton, dichtend setzt sie sich mit der Verfolgung auseinander. Der Schwarzwald ist seitdem nur noch bedingt Ort des Trostes und der Lebensfreude. Im französischen Lager Rivesaltes entsteht ihr letzter Gedichtband mit dem Titel "Von gestern und heute", gebastelt aus dem Wenigen, was sie auftreiben kann, wie den lila Wollfaden zum Zusammenbinden der Seiten. Sie hinterlässt ihn ihren beiden jüngeren Töchtern Eva und Miriam. Sylvia Cohn wird 1942 nach Auschwitz deportiert.

Die erwachsene Tochter Eva beschäftigt sich viele Jahre später mit der Frage: Wenn die Mutter gekonnt hätte, was hätte sie ihr zum Abschied mitgeben wollen? | zum Video "Der Koffer, den mir meine Mutter nicht packen konnte":

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