Literatur

Der Druck wächst – Wie Bibliotheken mit streitbaren Büchern im Sortiment umgehen

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AUTOR/IN
Sophia Volkhardt

Ein Kochbuch von Verschwörungstheoretiker Attila Hildmann, Kinderliteratur mit dem Wort „Indianer“ oder Bücher von streitbaren Persönlichkeiten wie Sahra Wagenknecht oder Thilo Sarrazin – wie umgehen mit Titeln, die nicht jeder in den Regalen sehen will? Der Druck der Öffentlichkeit auf die Bibliotheken wächst.

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Titel aus den Regalen nehmen?

Die Grundlage von Bibliotheken ist die Meinungs- und Informationsfreiheit. Hier sollten sich alle Menschen weiterbilden können, ganz egal, welche politische Meinung sie vertreten oder wie dick ihr Geldbeutel ist.

Alles geht, solange es nicht dem Grundgesetz widerspricht. Hitlers „Mein Kampf“ beispielsweise geht nicht über die Leihtheke. Aber: immer häufiger werden laut dem Deutschen Bibliotheksverband Stimmen laut, die fordern, bestimmte Titel aus den Regalen zu nehmen.

Es begann mit Attila Hildmann

Das bestätigt Beate Meinck, Geschäftsführerin des Landesverbands Baden-Württemberg. Das erste Mal häuften sich in ihrer Erinnerung die Beschwerden ausgerechnet bei Kochbüchern. Nämlich denen des Vegan-Bestseller-Autors Attila Hildman: einst gefeierter Koch, heute vor allem als Verschwörungstheoretiker bekannt.

„Da gab es von außen Anfragen an die Bibliotheken, aus unterschiedlichen Richtungen. Kunden haben sich geäußert, oder es kam in unterschiedlichen Städten dazu, dass sich die Lokalpolitik bei den Bibliotheken gemeldet hat und gefragt wurde: Wie kann denn das sein, dass da noch was in den Regalen steht, was man nicht mehr haben darf?“

Leser*innen sind heute kritischer

Dass Leserinnen und Leser nicht einfach an Büchern vorbeilaufen, die sie kritisch sehen, sondern deren Verbreitung unterbinden wollen, hat zumindest in Stuttgart zugenommen, erzählt Meike Jung von der Stadtbibliothek:

„Ich habe das Gefühl, dass es mehr geworden ist. Dass Menschen generell – nicht nur in Bibliotheken – mehr diskutieren: Was hat die Sprache für Auswirkungen?“

Arbeitsgruppe zu Kinderliteratur

Sogar Kinderbücher sind betroffen. Die Winnetou-Debatte und die Rassismus-Kritik machen auch vor den Bibliotheksregalen nicht Halt.

„Wir haben da eine Arbeitsgruppe von Kinder- und Jugendbibliothekaren, die sich mit Büchern wie Jim Knopf oder Pippi Langstrumpf beschäftigen und da arbeitet die Arbeitsgruppe an Handreichungen, wie man mit Kindern über sensible Inhalte sprechen kann.“

Zugang zu Weiterbildung nicht einschränken

In Mainzer Bibliotheken mache man sich noch keine allzu große Sorge über eine Flut an Beschwerden zu bestimmten Titeln, so Stephan Fliedner, Leiter des Amtes für Kultur und Bibliotheken. Auf vereinzelte Kritik reagiere er aber immer gleich:

„Stichwort: gesellschaftliche Teilhabe. Das ist sehr sehr wichtig für Menschen, die eben nicht genug Geld haben, sich all das zu kaufen, was wichtig wäre für Weiterbildung, aber auch sinnvolle Freizeitgestaltung. Das ist ein hohes Gut. Und wenn man anfängt darin rumzufuhrwerken, würde man einer ganzen Reihe von Menschen, die auch Steuern zahlen, so ein bisschen lehrerhaft sagen: Nee, das bekommst du nicht zu sehen, das schadet dir.“

„Der Mensch ist mündig“

Die Leserinnen und Leser - auch die Kinder - hätten aber einen Anspruch, ihren Interessen nachzugehen, so fragwürdig sie auch in den Augen anderer sein mögen, findet auch Beate Meinck aus Reutlingen:

„Letztlich können wir nie beeinflussen, was die Menschen, die in die Bibliotheken kommen und sich Medien holen, zuhause damit tun. Das ist aber auch nicht unsere Aufgabe. Der Mensch ist mündig. Wir dürfen Sachen in Kontext setzen, aber wir sind keine Einrichtung, die Zensur ausübt.“

Kreative Lösungen

In der Bibliothek in Mainz aber verschwanden einige Kochbücher von Attila Hildmann doch aus dem Regal, weil die Frau, die sich über den Autor beschwert hatte, eine kreative Lösung parat hatte:

„Die Dame, die uns darum gebeten hatte, hat uns andere gleichwertige Bücher gespendet und dann haben wir tatsächlich zwei von den Kochbüchern rausgenommen, weil wir gesagt haben, das können wir verantworten. War ganz witzig, wie sie das gemacht hat“

Alle sollen sich eine Meinung bilden dürfen

Jede Bibliothek entscheide für sich, wie sie ihren Bestand aufbaue. Neben finanziellen Vorgaben spiele auch der Standort und die Nachfrage der Kundschaft bei der Anschaffung eine Rolle.  

Aber, da sind sich alle einig: Auf die Frage „Was dürfen wir lesen?“ sei die Antwort ganz klar: alles. Alle sollten sich eine Meinung bilden können und auch in Büchern streitbarer Autoren blättern dürfen, um aktuelle Debatten von allen Seiten zu beleuchten. Und dabei bleibt es auch, selbst wenn der Druck weiterwachsen sollte. 

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