Mannheim Familie Michel: Kalligrafie als Rettungsanker

Stolperstein in der Richard-Wagner-Straße 26

eine Frau sitzt einem Mann auf dem Schoß (Foto: Ulrich Wellhöfer -)
Otto und Frieda Michel, geb. Wolff, an ihrem Hochzeitstag am 2. Dezember 1921 Ulrich Wellhöfer -

"Eines Abends sagte mein Vater etwas sehr Merkwürdiges: Er meinte, ich solle Unterricht in Kalligrafie nehmen. Unterricht in was?, antwortete ich perplex. Meinem Vater war es ernst. Kalligrafie – die altehrwürdige Kunst des Schönschreibens, des klaren und schönen Schriftbilds. Ein jüdischer Lehrer für Kunst gab Kalligrafieunterricht, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. 'Man weiß nie, wann man es mal braucht', antwortete mein Vater." So erinnert sich Ernest Michel an die überraschende Entscheidung des Vaters einige Zeit nach der Reichsprogromnacht.
Zuerst ging der 15-jährige Ernest Michel zum Unterricht, nur um seinen Vater einen Gefallen zu tun, aber bald genoss er es, auf diese Weise einmal wöchentlich aus der elterlichen Wohnung herauszukommen und eine Aufgabe zu haben. Später sollte ihn seine schöne Handschrift retten: In Auschwitz füllte er Dokumente und Todesurkunden aus.

Kurzbiografie

Der Zigarrenfabrikant Otto Josef Michel (1879-1942) heiratete 1921 Frieda Wolff (1884-1942), die Tochter eines Pferdehändlers aus dem ostfriesischen Norden bei Aurich: Sie hatte als Verkäuferin im Mannheimer Kaufhaus Hirschland gearbeitet. Bereits 1933 sah Otto Josef Michel sich gezwungen, seine Zigarrenfirma zu verkaufen.

Ernest Michel – damals 10 Jahre alt – erinnert sich an die ersten Jahre der NS-Diktatur: "Unser Essen wurde einfacher und die Portionen wurden kleiner. Naschereien für meine jüngere Schwester Lotte und mich wurden selten. Dann blieben sie ganz aus."

Innenaufnahme einer ausgebrannten Synagoge (Foto: Stadtarchiv Mannheim -)
Zerstörte Mannheimer Synagoge Stadtarchiv Mannheim -

Mutti und Papi lächelten selten.

"Um die Familie zu ernähren, verkaufte meine Mutter ihren Schmuck und mein Vater trennte sich von sehr wertvollen Briefmarken seiner umfangreichen und prestigeträchtigen Sammlung." Am 9.11.1938 verwüsten SA-Männer die Wohnung. Sie zwingen Otto Josef Michel, seine Sammlung aus dem Tresor zu holen und werfen sie auf die Straße, um sie zu verbrennen.

Den Eltern gelingt es trotz aller Bemühungen nicht, ein Auswanderungsland zu finden. Sie werden am 22.10.1940 in das französische Internierungslager Gurs deportiert und 1942 in Auschwitz ermordet.

ein Mann an einem Tisch mit Schreibmaschine (Foto: Ulrich Wellhöfer  -)
Ernest Michel: Ein neuer Beruf als Journalist. Er berichtet von den Nürnberger Prozessen. Ulrich Wellhöfer -

Die 10-jährige Tochter Lotte kann – dank der Unterstützung einer jüdischen Hilfsorganisation – im April 1939 nach Frankreich ausreisen und überlebt dort versteckt bei katholischen Ordensschwestern. Ihr Bruder Ernest übersteht Auschwitz und den Todesmarsch und hält seine Erinnerungen in seinem Buch "Promises kept. Ein Lebensweg gegen alle Wahrscheinlichkeiten" fest. Darin beschreibt er auch ausführlich, wie er als Reporter nach dem Krieg – von Theodor Heuss gefördert – als einziger Jude und Holocaust-Überlebender von den Nürnberger Kriegsprozessen berichtete und von Hermann Göring in seine Zelle gerufen wurde.

Als die Familie noch zusammen war

Kopie eines Schreibens an das städtische Schulrektorat (Foto: Stadtarchiv Mannheim -)
Otto Michel schreibt an das städtische Schulrektorat. Sein Sohn soll auf die jüdische Schule wechseln. Stadtarchiv Mannheim - Bild in Detailansicht öffnen
Otto und Frieda Michel, geb. Wolff, an ihrem Hochzeitstag am 2. Dezember 1921 Ulrich Wellhöfer - Bild in Detailansicht öffnen
Otto Michel mit seinen Kindern Ernest und Baby Lotte Ulrich Wellhöfer - Bild in Detailansicht öffnen
Otto und Frieda Michel mit Tochter Lotte Michel (rechts) am Küchentisch, kurz bevor die elfjährige Lotte im April 1939 mit dem Zug nach Straßburg fährt. "Man kann darauf deutlich die Angst in den Augen meiner Eltern erkennen", schreibt Ernest Michel. Ulrich Wellhöfer - Bild in Detailansicht öffnen
Lotte Michel als Jugendliche Ulrich Wellhöfer - Bild in Detailansicht öffnen
Ernest Michel als Jugendlicher Ulrich Wellhöfer - Bild in Detailansicht öffnen

Zitate aus den Lebenserinnerungen von Ernest W. Michel:
"Promises kept. Ein Lebensweg gegen alle Wahrscheinlichkeiten",
Wellhöfer Verlag Mannheim, 2013 (dt. Erstausgabe). Aus dem Englischen von Susanne Reber und Rumjana Ivanova-Kiefer, ISBN 978-3-95428-118-3. Erstmals im Englischen erschienen unter dem Titel "Promises Kept: One Man’s Journey Against Incredible Odds", 2008

Weiterer Buchtipp:
"Nirgendwo und überall zu Hause. Gespräche mit Überlebenden des Holocaust"
von Martin Doerry, das Zeitzeugengespräche mit Überlebenden der Shoah dokumentiert. Einer der im Buch porträtierten Personen war Ernest W. Michel.

Vielen Dank an Susanne Reber, die die Anregung für diesen akustischen Stein gab.

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