Kuppenheim Ludwig Kahn: Ungewöhnliche (Schrift)Wege

Stolperstein in der Friedrichstraße 98

Von den 16 Kuppenheimer Juden, die am 22. Oktober 1940 nach Gurs abtransportiert werden, überleben nur drei. Ludwig Kahn ist einer von ihnen. Er wird zeitlebens Heimweh nach Kuppenheim haben und ungewöhnliche (Schrift)Wege gehen, um Informationen über das Schicksal anderer Juden aus seinem Heimatort zu gewinnen.

Kurzbiografie:

Als Ludwig Kahn am 22. Oktober 1940 in Kuppenheim zusammen mit 15 anderen Juden auf einen Lastwagen klettern musste, da war er bereits 66 Jahre alt. Außer seinem Leben hatte er da schon praktisch alles verloren. Seine Frau Amalie war ein Jahr zuvor gestorben, nach 38 Jahren Ehe. Drei Kinder hatten sie bekommen — alle drei starben kurz nach der Geburt. Man hatte ihn seiner Bürgerrechte beraubt. Sein Geschäft als Viehhändler hatte er verloren. Und nun nahmen sie ihm auch noch die Heimat.

Ein geachteter Händler

Bevor die Nazis kamen, war er ein hoch geachteter Geschäftsmann gewesen. Unermüdlich war er mit seinem Fahrrad in die umliegenden Dörfer gefahren.

eine Seniorin (Foto: SWR, SWR - Johannes Weiß)
Obwohl schon im hundersten Lebensjahr, erinnert sich Luise Walz noch lebhaft an ihre Zeit bei Familie Kahn. SWR - Johannes Weiß

So erzählt es Luise Walz, die heute hundert Jahre alt ist. Als 15-jährige war sie zu den Kahns als Haushälterin gekommen. Ihre eigene Mutter war gestorben, umso dankbarer empfand sie: "Die Frau hat für mich gesorgt wie eine Mutter." Und sie sieht Ludwig Kahn noch vor sich. Wie er morgens mit dem Fahrrad losradelt. Und meistens erst am späten Nachmittag wieder heimkehrt. Von den Bauern der umliegenden Ortschaften. Er kaufte und verkaufte — Pferde und Kühe. "Wenn Sabbat war", erzählt Luise Walz, "ha ja, den haben die Kahns genau eingehalten. Die haben den Feiertag wirklich geheiligt. Er hat dann noch nicht einmal einen Brief aufgerissen."

Und auch Manfred Geck, der einstige Nachbarsjunge, heute hoch in den Achtzigern, erinnert sich. Amalie Kahn sei "eine Seele von Mensch" gewesen. Und er habe mit seinen Freunden am Sabbat von den Kahns immer das ungesäuerte Mazzenbrot bekommen. "Hat nach nichts geschmeckt, aber wir Kinder haben uns das immer geholt."

Geächtet und deportiert

Am 22. Oktober 1940 werden mehr als 6.000 pfälzische und badische Juden abtransportiert. Sie klopfen auch bei Ludwig Kahn. Los, los! Beeilung! Eine Stunde hast du Zeit. 50 Kilo Gepäck, hundert Reichsmark – mehr sind nicht erlaubt. Am Platz vor der Turnhalle geht es los. Von den 16 Juden, die in jenen Oktobertagen in das Internierungslager Gurs am Fuße der Pyrenäen deportiert werden, überleben nur drei. Darunter Ludwig Kahn. Die meisten sterben in den ersten Wochen an den schrecklichen Entbehrungen oder werden später nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.

Briefe an die ehemalige Sparkasse

Dass Ludwig Kahn überlebt, ist ein Wunder. Vielleicht lag es an seiner für sein Alter erstaunlich guten körperlichen Konstitution. Tatsache ist: 1946 erholt er sich ganz allmählich von der Lagerzeitzeit, in einem französischen Sanatorium. Und er schreibt nach Kuppenheim. Briefe an seine ehemalige Sparkasse.

Er habe seinerzeit die sogenannte "Judenabgabe" zahlen müssen. 4.000 Reichsmark insgesamt. Eine der zynischen Erpressungen, die sich die Nazis für die totale Ausbeutung der Juden hatten einfallen lassen. Die Sparkasse kümmert sich, verhilft ihm zur finanziellen Entschädigung. Mehr noch, sie beantwortet auch seine sehr persönlichen Fragen.

Denn Ludwig Kahn hat Heimweh nach Kuppenheim. Er fragt nach dem Verbleib von Opfern und Tätern. "Nun ist es sechs Jahre, daß ich heimatlos gemacht wurde, aber wegen was? Kann jemand etwas dafür, ob er als Jude oder Christ geboren wurde? Ich habe 40 Jahre mit Vieh gehandelt und nie mit einem Bauern einen Prozess gehabt ..." So schreibt er, in einer gestochenen, bestens lesbaren lateinischen Handschrift.

zwei Häuser (Foto: SWR, SWR - Johannes Weiß)
Das ehemalige Haus des Viehhändlers Ludwig Kahn (re.). SWR - Johannes Weiß

Und die Sparkasse antwortet. Und bekennt sich schuldig. Ludwig Kahn fragt nach einem Kuppenheimer. Die Sparkasse antwortet, der Mann sei ganz gewiss "kein Hitler" gewesen. Aber er sei halt ein Mitläufer gewesen, aus Furcht, seine Stelle zu verlieren — "wie wir es alle mehr oder weniger waren". Ein solches Schuldeingeständnis ein Jahr nach dem Ende des Naziterrors ist höchst ungewöhnlich. Das hat der Mannheimer Historiker Ingo Stader im Auftrag der Sparkasse untersucht. Der damalige Sparkassen-Chef habe "sehr menschlich" reagiert. Wie menschlich, zeigen diese Zeilen:

"Wir wollen zum Schluss kommen, ohne zu versäumen, Ihnen Herr Kahn alles Gute für die Zukunft zu wünschen. Sicher würden wir uns freuen, Sie baldmöglichst als wieder heimgefundenen alten Kuppenheimer Bürger in unsern von den Verwüstungen des Krieges so leidlich verschonten Mauern begrüßen zu können. Hochachtungsvoll. Bezirkssparkasse Kuppenheim."

1949 zog Ludwig Kahn von Frankreich nach Chile, einige Jahre darauf in die USA. Dort starb er hochbetagt. In seine Heimat Kuppenheim ist er nie mehr zurück gekehrt.

Aus dem Briefwechsel mit der Sparkasse

Kopie eines Dokuments (Foto: privat -)
Nach dem Krieg wendet sich Ludwig Kahn hilfesuchend an die Sparkasse: […] nun bekam ich vom Landesamt Freiburg beiliegenden unverständlichen Brief. Wie ist es mir möglich Belege einzusenden, wo ich doch seinerzeit von der Strasse weg verhaftet wurde […] Warum hat sich das Landesamt nicht direkt bei euch erkundigt ob meine Angaben richtig sind?   privat - Bild in Detailansicht öffnen
Die Sparkasse Kuppenheim bemüht sie sich um Aufklärung. privat - Bild in Detailansicht öffnen
In einem Brief an die Sparkasse erkundigt sich Ludwig Kahn unter anderem nach dem Verbleib von Bekannten aus Kuppenheim privat - Bild in Detailansicht öffnen
Auch diese persönlichen Fragen versucht die Sparkasse Kuppenheim zu beantworten. privat - Bild in Detailansicht öffnen
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