Geschichte

Stepan Bandera: Umstrittenes Symbol für den Kampf um die ukrainische Unabhängigkeit

STAND
AUTOR/IN
Martin Sander

Russlands Aggressoren sprechen von „Denazifizierung“ der Ukraine und stellen die Unabhängigkeit des Nachbarlands als faschistische Idee hin - eine Geschichtsdeutung, die Kontextualisierung und andere Perspektiven völlig ignoriert. Doch einige ukrainische Politiker treiben tatsächlich einen Kult um fragwürdige Nationalhelden. Zu diesen Helden gehört der Westukrainer Stepan Bandera, der in den Dreißiger- und Vierziger-Jahren an der Spitze der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) stand.

Audio herunterladen (3,4 MB | MP3)

Kontakte zu Mussolini und zu Hitler-Deutschland

„Man kann ihn sowohl als radikalen Nationalisten als auch als Faschisten bezeichnen“, sagt der Berliner Historiker Grzegorz Rossoliñski-Liebe über Stepan Bandera, einen Politiker, an dem sich die Geister scheiden. Stepan Bandera wurde 1909 im westukrainischen Staryj Ukryniw geboren, damals Teil der Habsburger Monarchie. Er stand an der Spitze der Organisation Ukrainischer Nationalisten OUN. 1959 fiel er im Münchner Exil dem Gift-Attentat eines Sowjetagenten zum Opfer. An seine Münchner Grabstätte pilgern seine ukrainischen Anhänger bis heute.

Bandera sei von den faschistischen europäischen Diskursen geprägt worden, sagt Rossoliñski-Liebe: „Die Kontakte zu Mussolini, zu Hitler-Deutschland machen klar, dass die OUN den transnationalen Faschismus rezipiert hat, erst aus Italien, dann aus Deutschland, und dann ihren eigenen ukrainischen Faschismus konstruiert hat.

Banderas proklamierte einen unabhängigen ukrainischen Staat an der Seite Hitler-Deutschlands

Bandera stieg in den 1930-Jahren in den engeren Führungszirkel der OUN auf, der Organisation Ukrainischer Nationalisten. Wenige Tage nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion proklamierte Banderas OUN in Lemberg einen unabhängigen ukrainischen Staat an der Seite Hitler-Deutschlands. Doch den Nationalsozialisten passte das nicht. Sie bevorzugten ihr eigenes Besatzungsregiment. So nahmen sie Bandera im KZ Sachsenhausen bei Berlin in Ehrenhaft. Banderas OUN sowie andere nationalukrainische Gruppen kämpften zur gleichen Zeit in der Vielvölkerregion der westlichen Ukraine überwiegend auf deutscher Seite für einen ethnisch reinen ukrainischen Staat.

Ihre Hauptfeinde  - die Juden, Polen und Russen – hätten die OUN teilweise vertreiben, teilweise ermorden wollen, sagt Rossoliñski-Liebe: „Vor allem nach dem Angriff der Deutschen auf die Sowjetunion hat der OUN deutlich gemacht, dass man Massenmorde begehen kann, dass man dadurch einen ethnisch reinen ukrainischen Staat haben kann.“

Zu Banderas Grab in München pilgerte schon Ukraine-Botschafter Andrej Melnyk

Banderas Kämpfer verübten Massaker an den polnischen Bewohnern der Westukraine, in Ostgalizien und im nordöstlich angrenzenden Wolhynien. 1943/44 metzelten sie bis zu 100.000 Zivilisten nieder. Teilweise wandten sie sich nun auch mit Waffen gegen die vormals verbündeten Deutschen. Seit Kriegsende konzentrierten sie sich auf den Widerstand gegen die Sowjetherrschaft. Ihre faschistischen Verbrechen kehrten sie unter den Tisch.

Nach dem Krieg, als Bandera in Westdeutschland lebte, kämpften seine Partisanen bis tief in die 50er-Jahre für eine unabhängige Ukraine. Die sowjetischen Machthaber gingen dagegen mit brutaler Gewalt vor. Das beförderte den Bandera-Kult zu sowjetischer Zeit im Exil sowie in der unabhängigen Ukraine seit 1991. Zu Banderas Grab in München pilgerte auch schon Andrej Melnyk, der Botschafter der Ukraine in Deutschland.

Dossier Der Ukraine-Krieg — Hintergründe, Informationen, Fakten

Am 24. Februar 2022 hat Russland die Ukraine militärisch angegriffen. Millionen Menschen sind seitdem aus der Ukraine geflüchtet, auch nach Deutschland. Unser Dossier zeigt die Hintergründe und Auswirkungen des Kriegs.  mehr...

Politik Russland und die Ukraine – Geschichte eines Krieges

Für Putin ist die Ukraine ein sowjetisches Konstrukt, den Einmarsch begründet er historisch. Der Konflikt um die ukrainische Unabhängigkeit reicht bis ins Mittelalter zurück.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Osteuropa | 30 Jahre Unabhängigkeit Ukraine – Zerrissen zwischen der EU und Russland?

Vor 30 Jahren, am 24. August 1991, erklärte die Ukraine ihre Unabhängigkeit. Die junge Generation des Landes ist geschichts- und selbstbewusst. Doch der Staat befindet sich im Krieg  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Gespräch Somalia und die Weizen-Blockade aus der Ukraine – „Es braucht jetzt wirklich einen Kraftakt“

Durch die Blockade von Weizenexporten aus der Ukraine hat sich die Hungersnot in den Ländern am Horn von Afrika drastisch verschlimmert. Die Sprecherin von UNICEF Deutschland, Christine Kahmann, nennt die Lage in Somalia im Gespräch mit SWR2 „katastrophal“.
Das Land importiere über 90 Prozent seines Bedarfs an Weizen aus Russland und der Ukraine. Kahmann erläutert: „Viele Familien in Somalia können sich Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten.“ Dass ein erstes Frachtschiff mit einer Ladung Weizen aus einem ukrainischen Hafen auslaufen konnte, ist für die Expertin ein „Hoffnungsschimmer“. Es gelte aber: „Die Lage in Somalia lässt sich nicht einfach entschärfen. Es braucht jetzt wirklich einen Kraftakt.“
Doch sei der Nothilfeaufruf von UNICEF und anderen Hilfsorganisationen bisher „drastisch unterfinanziert“. Auch wenn die Welternährungsorganisation WHO für Somalia noch nicht offiziell eine Hungersnot ausgerufen habe, gelte: „Bereits jetzt sterben die Kinder – wir dürfen jetzt keine weitere Zeit verlieren.“
Christine Kahmann ist seit 2020 Pressesprecherin des UNICEF-Komitee Deutschland; sie hat zuvor für die Hilfsorganisation „Action against Hunger“ gearbeitet.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

STAND
AUTOR/IN
Martin Sander