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Das Recherche-Projekt „Sneakerjagd“: Warum Turnschuhe-Recycling teilweise mehr schadet als nutzt

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„Richtig alte, abgerockte Turnschuhe sollte man am besten über die Restmülltonne entsorgen“, sagt Felix Rohrbeck, Chefredakteur des Recherche-Start Ups Flip. Er hat zusammen mit einem Reportage Team von NDR und ZEIT beim Projekt „Sneakerjagd“ Recycling-Angebote getestet und Erschreckendes herausgefunden.

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Projekt mit Promi-Unterstützung

Die Reporter*innen haben alte Sneaker von elf Promis wie dem Rapper Jan Delay, Moderatorin Linda Zervakis, dem SPD-Politiker Kevin Kühnert oder Comedian Carolin Kebekus gesammelt und darin GPS-Sender versteckt, um auf die Spur der recycelten Schuhe zu gehen.

Die Sängerin Joy Denalane während eines Konzerts, sie hält ein Mikrofon in der Hand und singt, sie ist eine hellhäutige schwarze Frau mit langen, braunen gelockten Haaren, sie trägt eine dunkelblaue Jacke mit weißem Logo. (Foto: imago images, IMAGO / Marcel Lorenz)
Auch Sängerin Joy Denalane hat für „Sneakerjagd“ ein paar Adidas-Sneaker zur Verfügung gestellt. IMAGO / Marcel Lorenz

Über Altkleider-Container, die Recycling-Aktion beim Sportartikelhersteller Nike und andere Möglichkeiten hätte sie die Schuhe anschließend in das Recycling-System eingeschleust, erklärt Felix Rohrbeck. Am Ende seien sie an unterschiedlichen Orten der Welt gelandet, darunter Kenia, die Ukraine, aber auch in einer Fabrikhalle in Belgien.

Das Unternehmen gibt keine Infos heraus

„Wir waren ziemlich baff, weil Nike wollte uns nicht erzählen wo diese Halle steht, wo alte Schuhe angeblich geschreddert werden“, so Rohrbeck. Aus den geschredderten Schuhe sollten laut dem Unternehmen dann andere Produkte entstehen — andere Schuhe oder Sportplatzbeläge etwa.

Als sie über das GPS zur Halle gefahren seien und dort einen Blick in die Anlage werfen konnten, sei ihnen aufgefallen, dass dort auch komplett neue Schuhe geschreddert würden: „Neue Schuhe schreddern hat ja nichts mit Nachhaltigkeit zu tun — im Gegenteil, das ist sogar verboten!“

Ein Garten in Bahia, Brasilien, wo aus mehreren kaputten Schuhen und Sneakern Blumentöpfe gemacht wurden. Die Pfalnzen wachsen aus den Schuhen. (Foto: imago images, IMAGO / Fotoarena)
In Deutschland werden jedes Jahr über 380 Millionen Sneaker weggeworfen, nach Angaben des Recherche-Start Ups Flip. IMAGO / Fotoarena

Fabrikneue Schuhe werden nach Retoure zerstört

Damit konfrontiert hätte der Nachhaltigkeitsbeauftragte von Nike sich überrascht gezeigt, das Unternehmen habe dann später in einem Schreiben eingeräumt, auch Retouren zu schreddern — allerdings nur bei „Anzeichen von Defekten und Gebrauchsspuren“. „Das kann alles bedeuten“, meint der Journalist.

Für ihn als Verbraucher bedeute das: „Wenn ich Schuhe online bestelle und die dann zurück schicke, muss ich damit rechnen, dass Nike sie schreddert.“ Inzwischen habe sich der Berliner Senat — weil zuständig — eingeschaltet und prüfe, inwiefern hier ein gesetzliches Verbot missachtet werde.

Alte Schuhe direkt in die Tonne

Aus dem Projekt zieht Rohrbeck folgende Lehren: Alten, durchgelatschten Schuhe könne man über die bisherigen Recycling-Angebote kein zweites Leben einhauchen. Sie würden damit im Zweifelsfall in Afrika auf irgendwelchen Müllhalden landen und dort die Umwelt verschmutzen.

Nur wirklich gut erhaltene Sneaker haben beim Recycling eine Chance

Deshalb rät er dazu, für mehr Nachhaltigkeit Schuhe möglichst lange zu tragen und auch immer wieder reparieren zu lassen, dafür gebe es spezielle auf Sneaker ausgerichtete Programme. Wenn wirklich gar nichts mehr ginge, dann solle man die Schuhe über die Restmülltonne entsorgen, wo sie dann direkt verbrannt würden und nicht erst lange durch die Gegend transportiert.

Bei gut erhaltenen Schuhe könne sich aber ein Recycling durchaus lohnen — das einzige „wirklich recyclete“ Paar aus der Recherche sei sehr gut erhalten gewesen und am Ende in einem Second Hand-Store in der Ukraine gelandet.

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