HfG-Rektor Siegfried Zielinski verlässt Karlsruhe Das lähmende Erbe von Peter Sloterdijk

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Am 23.3.2018 von Marie-Dominique Wetzel

Der scheidende Rektor der Hochschule für Gestaltung, Siegfried Zielinski, verlässt Karlsruhe nach eigenen Worten „mit Wehmut“. In der Zeit von Amtsvorgänger Peter Sloterdijk hätten sich „viele Probleme angehäuft“. Die Bilanz von Zielinski fällt ernüchternd aus: Weitgehender personeller Stillstand und Blockierung wichtiger Neuerungen. Der kaum verhohlene Vorwurf: die HfG klammere sich an das Erbe von Peter Sloterdijk, habe es sich darin zu gemütlich gemacht.

„Zusammenarbeit mit ZKM sträflich vernachlässigt“

Im Büro von Siegfried Zielinski stapeln sich die gepackten Kisten. Mit dem Abschied verbinde er Wehmut, sagt der 68jährige Medienwissenschaftler. „Wehmut, weil ich unter einer starken Prämisse hier hergekommen bin.“

Der scheidende Rektor der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe erklärt, er habe die Zusammenarbeit mit dem ZKM und Peter Weibel verstärken wollen. „Die HfG hat das über viele Jahre sträflich vernachlässigt, hat die Chancen und Möglichkeiten, die darin liegen, nicht wirklich ausreichend gesehen.“

Bedenkenträger und Widerstände

Die Gründungsidee war es, beide Institutionen als Einheit zu sehen: an der HfG Lehre und Forschung, am ZKM das Labor und das Museum. Künstler sollten Dozenten an der HfG sein, Studierende in den Laboren des ZKM mitarbeiten. Das Ziel: die Auswirkungen neuester Technologien auf die Kunst ausloten. Hier ganz vorne dabei zu sein.

So wünscht sich das auch der Wissenschaftsrat für die Zukunft. Doch in der Hochschule stieß Zielinski vor allem auf Bedenkenträger und Widerstände.

Der Philosoph Peter Sloterdijk (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Henning Kaiser)
Unter der Ägide des Philosophen Peter Sloterdijk hätten sich viele Probleme aufgestaut, meint der scheidende Nachfolger Siegfried Zielinski. picture-alliance / dpa - Foto: Henning Kaiser

Im „nietzscheanischen“ Kulturpessimismus gesuhlt

Eine so moderne Hochschule müsse sich alle zehn Jahre radikal neu ausrichten, so der scheidende Rektor: „Und da hat man stark blockiert innerhalb der Hochschule, weil sie lieber eben dieses weiche, bis zum Kulturpessimismus reichende, Nietzscheanische mochten und sich darin auch ein bisschen gesuhlt haben - was jetzt die philosophische Seite anbelangt.“

„Kaum Innovation in medial-künstlerischer Perspektive“

Der scheidende Rektor wird noch deutlicher: „Von der medial-künstlerischen Seite mal ganz abgesehen: die HfG hat in der medial-künstlerischen Perspektive in den letzten Jahren kaum mehr einen einzigen innovativen Schritt gemacht und auch in der internationalen Szene keinen Beitrag mehr geleistet. Das ist zu ändern. Da war ich fest entschlossen, und da gab es doch erhebliche Widerstände!“

Vielleicht hat er die vielen Probleme zu schnell anpacken wollen, meint Siegfried Zielinski jetzt selbstkritisch. Aber er sei ja nur für drei Jahre berufen worden und habe enormen Reformdruck gespürt.

Amtszeit von Peter Sloterdijk: „Viele Probleme angehäuft“

In der langen Amtszeit seines Vorgängers Peter Sloterdijk, der sich mit den Niederungen eines Rektoren-Alltags ungern beschäftigte, hätten sich viele Probleme angehäuft.

Zum Beispiel hatte man bei der Gründung Wert darauf gelegt, dass die Professoren nach zwei, drei Jahren wechseln, um neue Inputs zu bekommen. Doch viele Mitarbeiter haben sich eingeklagt oder wurden immer wieder - mehr oder weniger automatisch - verlängert, bis sie unkündbar waren.

Der Fall Marc Jongen: trotz AfD-Engagement weiterbeschäftigt

So war es auch im Fall des umstrittenen ehemaligen Assistenten von Sloterdijk, Marc Jongen. Er sitzt jetzt für die AfD im Bundestag. Auch ihn musste Zielinski, widerwillig, weiter beschäftigen.

Marc Jongen, einer der Landeschefs der AfD Baden-Württemberg, ist weiter an der HfG Karlsruhe beschäftigt. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Uli Deck)
Marc Jongen, einer der Landeschefs der AfD Baden-Württemberg, ist weiter an der HfG Karlsruhe beschäftigt. picture-alliance / dpa - Foto: Uli Deck

Viele haben sich offenbar bequem in der HfG eingenistet - zu viele? Rund 50 Prozent der Professoren sind inzwischen verstetigt und fast alle sitzen im Senat. Auch das wollte Zielinski ändern, biss aber auf Granit.

Wissenschaftsministerium: „Zielinski immer unterstützt“

Auch aus dem Wissenschaftsministerium kam keine Hilfe. Auf Anfrage von SWR2 hieß es aus Stuttgart: man bedaure es außerordentlich, dass Zielinski vorzeitig gehe, man habe „seine Reformpläne immer unterstützt und konstruktiv begleitet“.

Kein einziges Mal sei die Ministerin während seiner Amtszeit in die Hochschule gekommen, sagt dagegen Zielinski. Man habe ihn immer nur an die Rechtsabteilung verwiesen, wenn er sich mit Vorschlägen oder Problemen an das Ministerium gewandt habe.

Der Direktor des Zentrums für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM), Peter Weibel. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Georg Hochmuth)
Der Direktor des Zentrums für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM), Peter Weibel, bedauert den Abschied von Siegfried Zielinski von der HfG. picture-alliance / dpa - Foto: Georg Hochmuth

Peter Weibel: „Es ist sehr, sehr schade“

Peter Weibel, Chef des ZKM, bedauert es sehr, dass Siegfried Zielinski geht. Die beiden konnten gut miteinander, haben gemeinsam Ausstellungen kuratiert und viele Zukunftspläne gehabt. „Es ist sehr, sehr schade! Und das Problem ist auch: die Personen, die die Reformen behindert haben, sind da. Und es ist nicht zu erwarten, dass diese Personen jetzt plötzlich auf Reformkurs einschwenken.“

„Der Konflikt wird weitergehen“

Dabei habe Zielinski auch in kurzer Zeit viel erreicht, so Weibel: „Er hat schon zwei, drei Professoren berufen, die durchaus in seinem Sinne weiterarbeiten werden. Das heißt aber auch: der Konflikt wird weitergehen!“ Umso schwieriger scheint es, unter solchen Bedingungen eine würdige Nachfolge zu finden.

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