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Der große ovale Platz ist normalerweise Place-to-be jedes Romreisenden. Das lässt ihn übervoll und sehr touristisch sein. Während des corona-bedingten Shutdowns gehört die Piazza Navona einfach nur den Römerinnen und Römern. Doch per Live-Web-Cam kann man ihn von überall auf der Welt verfolgen.

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18 Millionen Mal haben sich Menschen auf diesen Platz geklickt

Mein Corona-Kokon ist 240 Meter lang, 65 Meter breit und oval. Es ist die Piazza Navona, auf die ich mich per Live-Web-Cam immer wieder beame. Nicht nur ich: mehr als 18 Millionen Mal haben sich Menschen - von wo auch immer - auf diesen Platz geklickt.

Piazza Navona – ein Ort, der mir von vielen Rom-Aufenthalten sehr vertraut ist: die inzwischen sehr touristischen Restaurants auf der einen Seite, Eisdiele und Kirche auf der anderen. In der Mitte die beeindruckenden Brunnen.

Die Kamera, mein Auge auf die Piazza, ist auf der Nordseite angebracht, vielleicht auf einem Balkon im ersten oder zweiten Stock. Ich sehe den Neptunbrunnen vor mir und dahinter, in der Mitte, den Vier-Ströme-Brunnen mit seinem ägyptischen Obelisken. Von der gegenüberliegenden Seite ist allerdings nicht mehr viel zu sehen.

Der Touristen-Magnet gehört im Lockdown ganz den Römerinnen und Römern

Der Platz ist meist überfüllt: Touristinnen und Touristen scharen sich um die Brunnen, sitzen auf den wenigen Bänken oder einfach auf dem Boden. Maler, Musiker, Souvenirverkäuferinnen und -verkäufer versuchen zu verdienen. Sie alle und noch viele mehr tummeln sich hier, bei nahe-zu jedem Wetter.

Dieser Place-to-be jeder Romreise ist zur Zeit fast menschenleer. Heute nach 18 Uhr gehen hier zwei Männer mit ihren Hunden spazieren, schiebt eine Frau einen Kinderwagen, schlendert ein Paar Hand in Hand, telefoniert ein Mann. Alle tragen Schutzmasken und sind bemüht, sich nicht zu nahe zu kommen, Abstand zu halten.

Die Piazza Navona gehört zur Zeit mal nur den Römerinnen und Römern – und mir. Heruntergefahrenes Corona-Leben, Abstandsalltag, auf dem weltberühmten Platz, wie anderswo, und doch oder gerade weil so faszinierend schön, kann ich nicht aufhören zu schauen.

Stadion, Marktplatz, künstlicher See...

Was hat dieser fast 2000 Jahre alte Platz schon alles erlebt. Er war Stadion für leichtathletische Spiele und phasenweise doch auch für blutige Gladiatorenkämpfe. 30.000 Zuschauerinnen und Zuschauer fasste das Stadion. Einige müssen genau die Perspektive nach unten gehabt haben, wie ich gerade. Nur, dass ich nicht kämpfende Männer sehe, sondern Häuser. Diese wurden Jahrhunderte später auf den Stadiontribühnen errichtet. Lange Zeit war die Piazza Navona größter Marktplatz der Stadt, ein Chaos aus Gemüsebergen, Weinfässern und Federvieh und Fisch.

An heißen und stickigen Wochenenden wurden an der Südseite die Brunnenabflüsse absichtlich verstopft, damit das Wasser überlaufen konnte und eine Art künstlicher See entstand. Bis zu einem halben Meter hoch. Das soll sogar Gelegenheit zum Bootfahren gegeben haben. Drumherum: Buden und Einkehrmöglichkeiten. Montags wurde das Wasser dann wieder abgeleitet.

Mitte des 19. Jahrhunderts war Schluss damit aus Angst vor einer Malaria-Epidemie. Und heute ist es nicht die Malaria, sondern Corona, die den Platz leerfegt, ihn nicht mehr Bühne sein lässt für den römischen Karneval oder Standort des Weihnachtsmarktes.

Ab 22 Uhr ist der Platz leer - Ausgangssperre.

Inzwischen ist der Himmel ganz dunkel geworden über der Piazza Navona. Der Boden ist nass. Es muss geregnet haben oder regnet noch, das kann ich nicht genau erkennen. Eine Frau dreht mit ihrem Hund eine letzte Runde. Ein Fahrradfahrer fährt quer durchs Bild. Fast alle Fenster sind dunkel, nur in einem Eckhaus gleich rechts ganz oben unterm Dach in einem Fenster noch Licht. 22 Uhr. Ausgangssperre in Italien. Die Römerinnen und Römer halten sich daran.

So, jetzt habe ich die Piazza Navona endlich ganz für mich allein. … Allein? Ach was, da sind ja noch 105 andere Menschen gerade online, die mit Hilfe der Live-Web-Cam - von irgendwo auf der Welt - auf diesen wunderbaren Platz im Herzen Roms starren.

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